Das Alkoholklischee

Schweden und der Alkohol. Man kann darüber mehr schreiben, als ich zu Beginn dieses Blogs gedacht hätte. Zum Beispiel kann ein Text wie dieser nicht unkommentiert bleiben.

Schweden habe ein Alkoholproblem, ist der Tenor. Das kann man so sehen, aber dann haben alle europäischen Länder auch eines. Und Deutschland ein doppelt so großes wie Schweden. Denn der Alkoholkonsum pro Kopf ist in Deutschland doppelt so hoch und damit auch die alkoholbedingten Krankheiten.

Außerdem wird Alkoholismus meiner Meinung nach in Schweden besser thematisiert als in Deutschland, im Gegensatz zu was Burkhard in seinem klischeegespickten Artikel schreibt.

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  1. Hallo,

    dass ich nach nur einigen Tagen des Bloggens über Schweden auf Deinem ‚Radar‘ aufgetaucht bin, freut mich. Ich wollte ohnehin noch bei Dir ‚anklopfen‘; das ist nun nicht mehr nötig. Ich lese Deinen Blog mit viel Interesse und Spaß und hoffe auf den ein oder anderen bereichernden Austausch mit Dir zum Thema Schweden.

    Dennoch (oder gerade deshalb) kann ich Deine Totschlagkritik ‚klischeegespickt‘ nicht unkommentiert lassen. Ich bin weniger Monate in Schweden als Du Jahre und bilde mir gerade erst meine Meinung. Aber genau das Eigene-Meinung-Bilden möchte ich mir auch nicht nehmen lassen, und ich lege Wert darauf, das alles, was ich schreibe, auf eigener Erfahrung basiert und nicht irgendwo abgeschrieben ist.

    Also, wo sind meine Klischees?
    – Dass man andere Trinkgewohnheiten hat – seltener, dafür heftiger, das schreibst Du doch selbst. Dass man klar das Ziel des Betrunken-Seins anstrebt, habe ich erlebt.
    – Dass man viel Schnaps und viel durcheinander trinkt, entspricht meinen ersten Erfahrungen bei Feiern hier. Ich habe hier zum ersten Mal erlebt, dass in einer geselligen Runde Schnaps so selbstverständlich dazugehört. Das kenne ich aus Deutschland so nicht. Mich saufen ganz normale Kollegen hier gnadenlos unter den Tisch.
    – Das Gegenseitig-des-Trinkens-Bezichtigen hat meine Frau einmal in einer Gesellschaft mit Dänen und Schweden erlebt, ausserdem hat es mir eine Dänin erzählt. OK, vielleicht zu früh, um das als ‚running gag‘ Skandinaviens zu bezeichnen.
    – Komasaufen von Jugendlichen ist hier ein Problem. Ich lese es in der Zeitung, und ich sehe es, wenn ich am Wochenende mit der U-Bahn fahre. In Deutschland ist das wohl auch ein zunehmendes Problem, aber das habe ich nie bestritten.
    – Überhaupt unterstellst Du mir, Schweden mit Deutschland verglichen zu haben: „ Außerdem wird Alkoholismus meiner Meinung nach in Schweden besser thematisiert als in Deutschland, im Gegensatz zu was Burkhard in seinem klischeegespickten Artikel schreibt." Wo schreibe ich denn, das etwas in Deutschland besser läuft?! Ich glaube, ich tue gut daran, ein neues Land unvoreingenommen zu sehen und nicht bei jedem Thema reflexartig den Deutschland-Vergleich zu machen. Bei Dir scheint dieser Reflex aber stark zu sein, denn Du projezierst einen Deutschland-Vergleich in meinen Artikel hinein, der dort gar nicht vorkommt. Du stellst dann Vergleiche mit Deutschland und Europa an, nicht ich.
    – Dass in einem Land eine Liberalisierung von Dogengesetzen jedwelcher Art immer sehr problematisch ist, ist meine Meinung, auch wenn es sich um die Kulturdroge des jeweiligen Landes handelt. Darüber kann man streiten, aber ein Klischee ist es kaum.

  2. Hallo burkhard,

    Danke für deine ausführliche Antwort und entschuldige die späte Freischaltung. Ich bin gerade unterwegs. Ich versuche zwar, in etwa mitzubekommen, was so auf Deutsch über Schweden geschrieben und gebloggt wird, aber ein “Radar” dafür habe ich leider noch keines. Generell gilt natürlich: Je mehr Schwedenblogs desto besser. :)

    Zum Thema. Natürlich will ich dir nicht die eigene Meinungsbildung nehmen, wie könnte ich auch. Und den Vorwurf, dass du abschreibst, habe ich auch nicht gemacht. Ich meinte “Klischee” nicht im Sinne von “Abklatsch”, sondern eher “Stereotyp”.

    Eines meiner Anliegen ist, nicht von Einzelerfahrungen generelle Schlüsse ziehen zu lassen. Natürlich gibt es solche Trinkfeiern, wie du sie beschreibst. Ich glaube aber, dass man (auch ich) zu schnell dazu neigt, von für einen selbst ungewöhlichen Erfahrungen auf das ganze Land zu verallgemeinern. Die Vielfalt an Umfeldern ist in Schweden genauso groß wie in Deutschland. Was am Ende zählt sind objektive Zahlen und wenn ich damals nicht schlampig nachgeschlagen habe, ist das Alkoholproblem in Schweden wirklich “nur” halb so groß wie in Deuschland.

    Dass Alkohol ein generelles Problem für die Gesellschaft ist, ist richtig. Indem zu aber sagst, “Schweden hat ein Alkoholproblem” beziehst du es auf das Land (oder Skandinavien) und man fragt sich, was an diesen so besonders ist. Man braucht hier also den Vergleich und was liegt näher als unser altes Heimatland zu bemühen, in dessen Sprache wir ja auch schreiben.

    Wie ich auf den Satz mit der Thematisierung von Alkoholismus in Schweden/Deutschland kam, fällt mir gerade nicht mehr ein. Du hast recht, dass du darüber nichts schreibst. :)

    Ob sich die Liberalisierung der Einfuhren stark auf den Konsum ausgewirkt hat, oder nur auf die Umsätze des Systembolaget, weiß ich gar nicht. Müsste man einmal nachschlagen. Generell zur Alkoholpolitik in Schweden und Europa kann ich noch einmal dieses Interview empfehlen.

    Zum Abschluss fällt mir noch ein Widerspruch zu einer deiner Aussagen ein. Du schreibst:

    Mithalten gehört dazu, und man muss unbedingt wenigstens so tun, als söffe man nach Leibeskräften mit (und zur Not den Schnaps unauffällig in den Blumenkübel schütten, wie man uns empfahl). Mit einem ‚nein danke, ich trinke nicht so gern’ gewinnt man hier jedenfalls keinen Blumenstrauß.

    Ich habe aber in Schweden schon viele Abstinenzler kennen gelernt und es gibt eine richtige Bewegung dazu. Ich glaube ich mache nykterist einfach zum Wort der Woche morgen.

    Ich hoffe abschließend, dir nicht zu sehr auf den Schlips getreten zu sein. :)

    Gruß
    Thomas

  3. “ch habe aber in Schweden schon viele Abstinenzler kennen gelernt und es gibt eine richtige Bewegung dazu. ”

    Das kann ich bestätigen. Ich kenne mehrere Schweden, die ganz bewusst gar keinen Alkohol trinken (und um diesem Verdacht vorzubeugen: trockene Alkoholkranke sind sie nicht).

    Aber auch eine der von burkhard beschriebenen Beobachtungen habe ich ähnlich gemacht: Wenn in Schweden (oder auch Norwegen) Alkohol getrunken wird, dann häufig mit dem Ziel, einen zumindest rauschnahen Zustand zu erreichen.

    Die mitteleuropäisch geprägte Kultur, eine Flasche Wein am Wochenende zum Abendessen mit zwei bis vier Personen zu teilen, stößt eher auf Verwunderung. Argument: “Wenn ich schon so viel Geld ausgebe für Wein, will ich auch was (=berauschende Wirkung) davon haben.”

  4. Ich lebe seit fast zwölf Jahren in Schweden, habe Auffassungen hierüber und darüber, manchmal auch Wissen, aber in der Alkoholfrage (bzw. Kein-Alkohol-Frage) tue ich mir auch heute noch schwer, etwas allgemeingültiges ausdrücken zu können. Meine Erfahrungen sind zu sehr persönlich und auf wenige Personen beschränkt. Ich kann deshalb hier nur Aspekte wiedergeben, aus Erfahrungen berichten, und möchte nichts verallgemeinern.

    Der Aufenthalt in Schweden hat meine Einstellung zum Alkohol verändert:
    Tagsüber gibt es keinen Alkohol, auch nicht zum Essen – er macht mich zunächst erst einmal nur müde. Ich muß mich konzentrieren können, auch zuhause. Ich trinke tagsüber nur Wasser, Mineralwasser. Alkohol kommt erst dann in Frage, wenn ich nicht mehr Autofahren muß, also abends nach
    der getanen Arbeit. Das gilt auch für den Urlaub, auch für Dienstreisen in alkoholfreudige Länder.

    Ich mache in Schweden keine Witze der folgenden Art:
    – Lieber ein stadtbekannter Säufer als ein anonymer Alkoholiker ! – Lieber besoffen und fröhlich als nüchtern und doof ! – Ich habe keine Probleme mit Alkohol, nur ohne !

    Die Nüchternheitsbewegung ist stark. Ich habe sie zwar nicht persönlich kennengelernt, aber ihren Einfluß aus Gesprächen mit Kollegen erfahren bzw. herausgehört.

    Komasaufen, Splitterparties und solche Dinge gab es in Deutschland während der Studentenzeit. So etwas wird es sicherlich auch in Schweden geben – bei Jugendlichen.

    Aus Erzählungen weiss ich, daß die Schweden sich vor dem Tanzvergnügen schon mal zuhause auf eine Anfangsgeschwindigkeit gebracht haben. Dann gab bes ja noch die Möglichkeit, einen Flachmann mitzunehmen und unter die Cola zu mischen. Ich weiss aber auch, daß die Schweden bei diesen Bräuchen sehr wohl einen nüchternen Autofahrer zu den Festveranstaltungen mitnahmen, der den Abend auch nüchtern blieb und die Festteilnehmer heile wieder nach Hause brachte.

    Heute ist das alles nicht mehr so. Und das gibt mir zu denken. Autofahrende Verwandte sind auf der Geburtstagsfeier des Vaters aufgetaucht, haben gleich erst einmal nach einem Starkbier verlangt, bevor sie ihre Geburtstagsgrüsse überbrachten.

    Ich selber war in Frankreich bei Verwandten zu Besuch. Mir sollte die Umgebung gezeigt werden. Vor der Fahrt hat der Chaufför erst einmal einen Liter Bier zu sich genommen…, in meiner Anwesenheit.

    Die Einstellung zum Alkohol hat sich verändert, und zwar zu verminderter Verantwortlichkeit.

    Man darf natürlich gerne einen Schnaps, ein Glas Wein oder ein Bier trinken, wenn man nur für sich Verantwortung trägt, abends zum Beispiel.
    Man soll den Wein oder das Bier geniessen. Es gibt viele verschiedene Sorten, die in unterschiedlichen handwerklichen Techniken hergestellt werden. Aus den Unterschieden kommt der Geschmack, der Genuß. So trinke ich in irischer Umgebung dann auch gerne mal ein Smithicks, auch wenn ein Ale nicht gerade meine Geschmack ist. Und letzte Woche gab es doch tatsächlich in Boston Samuel Adams Summer Ale, also ein tatsächlich gut schmeckendes amerikanisches Weizenbier.

    Wer den Umgang mit Alkohol nicht gewöhnt ist, der weiss nicht, Bier oder Wein zu geniessen. So wird dann auf den Einkaufsfahrten nach Deutschland den guten Biersorten zu wenig Beachtung geschenkt. Man achtet zu sehr auf den Preis oder die Prozente oder beides gleichzeitig. So wird häufig viel dänisches Bier mit Wasserschaden gekauft, und man lässt gutes Pilsener unbeachtet.

    Der zunehmend fahrlässige Umgang mit Alkohol in Schweden bereitet mir Sorgen. Auf der anderen Seite fühle ich mich vom schwedischen Staat bevormundet. Ich habe meine Lieferanten von Wein im Rheingau, im Elsaß, im Badischen, im Frankenland, und ich möchte mir gerne eine Partie zukommen lassen, wie früher, darf es aber nicht. Und meine Frau, ja die trinkt Weinschorle. Soll sie sich die für viel Geld aus der der Systembolaget (Wein) und Ica (Wasser) besorgen?

    Ich weiss nicht, wie ich mich entscheiden soll!

  5. @Thomas

    Keine Sorge, ich bin nicht eingeschnappt. Ich poste meine Sachen im Netz, weil ich Feedback will. Sonst würde ich sie in ein Buch mit goldenem Vorhängeschlößlein schreiben.

    Okay, der Alkohol-Text gehört wohl zu meinen schwächeren, daher habe ich ein paar Anmerkungen angefügt. Besser so?

    Jedenfalls hast Du recht, man kann zu dem Thema mehr schreiben, als man zu Beginn meint.

    Zur Sache möchte ich noch anmerken, dass es wohl so etwas wie einen verantwortungsvollen Umgang mit der Kulturdroge gibt. Aber ich glaube, dass unter der hauchdünnen Kruste der Verantwortlichkeit immer ein Meer des Mißbrauchs liegt, selbst bei der Droge, die eine Gesellschaft im Griff zu haben glaubt. Und es reichen immer kleinste Erschütterungen aus, um diese Kruste reißen zu lassen. Zum Beispiel: Veränderungen der Gesetze, Preisveränderungen der Droge, neue Formen (Alcopops!), sonstige gesellschaftliche Phänomene, z.B. ein allgemein sinkender Respekt vor dem Staat. Daher würde mich besonders die Frage interessieren, wie sich in Schweden die Veränderungen der Rahmenbedingungen auswirken. Es wäre aber wohl eine Lebensaufgabe, das in angemessener Qualität bewerten zu wollen.

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