Miss deinen Schnurr

Warten auf Schweden. Die Sprache ist der wichtigste Weg in die schwedische Gesellschaft, darüber sind sich fast alle einig. Trotzdem sind viele Sprachkurse für Einwanderer völlig unzureichend, zumindest für die Schüler. Andere haben entdeckt, dass es da gutes Geld zu verdienen gibt. Die Integration mag missglückt sein, aber die Integrationsindustrie läuft hervorragend.

“Spricht er Schwedisch?” fragt der Arbeitgeber.
“Hassan ist in Schweden geboren.”
“Ja, das steht hier. Aber spricht er Schwedisch?”

Rassismus? Oder vielleicht zur Hälfte Vorurteil, zur Hälfte Erfahrung mit Gymnasiasten aus Rosengård und ähnlichen Gebieten? “Das Gymnasium ist heutzutage keine Garantie mehr, dass ein Schüler Schwedisch spricht”, sagt Sven Hagströmer, Öresund AG, auf einer Konferenz in Rosengård. Er wünscht sich einen landesweiten Sprachtest auf höherem Niveau als das heutige SFI (Schwedisch für Einwanderer). Würden Arbeitgeber so ein Zeugnis zu sehen bekommen, würden keine komischen Fragen mehr gestellt und viele Unannehmlichkeiten würden vermieden.

Hagströmer, der eine Arbeitsvermittlung in Tensta betreibt, steht kaum im Verdacht, Leuten wie Hassan übel mitspielen zu wollen. Aber was meint er mit “Spricht er Schwedisch?” Ohne zu fragen weiß ich, dass er mehr meint als der Brite, der fragt “Does he speak English?”.

In Stockholm ist es unendliche Male schwerer als in London, eine Arbeit zu finden oder überhaupt ernst genommen zu werden, wenn man die Sprache misshandelt. Sagst du “Varfår anvenda sevora outlendska årt ner dät finz inhemskt adekfat våkaboulär dispånibäl?”1 werden Leute anfangen, langsam mit dir zu reden, sie werden schwere Worte vermeiden und dich ansonsten wie einen geistig Zurückgebliebenen behandeln. Und sie werden dich nicht an ihrem Arbeitsplatz haben wollen. Laut unseren Antirassisten liegt das daran, dass Schweden rassistischer sind als andere. Das ist so nicht sicher. Aber sie sind bestimmt musikalischer als andere.

“Miss deinen Schnurr”, schreibt die Lehrerkandidatin an die Tafel. Die Schüler kramen nach ihren Linealen, die anderen Lehrer starren ins Nichts. Bis es jemand begreift. “Sie meint ‘miss deine Schnur’”.2

Ihr lacht, nehme ich an. Lacht nur. Ihr habt keine Ahnung, in was für eine Bredouille es einen erwachsenen Araber oder Polen bringt, den Unterschied zwischen langen und kurzen Vokalen hören zu müssen. Oder sich einzuprägen, dass es “die” Schnur heißt. Gibt es da eine Regel?

Wer mit Schwedisch aufgewachsen ist, versteht nicht, welch seltsame Sprache er spricht. Versuch einmal, einen Chinesen oder Franzosen “luspudeln tjuter vid husknuten”3 sagen zu lassen. In Unterschied zu den meisten Sprachen ist das Schwedische ein sprudelnder Bach in dem die Vokale über Steine gestreckt werden und wo die Worte scheinbar ohne Grund aufsteigen und absinken aber mit einer solchen Präzision dass man einen Satz über eine ganze Buchseite ohne Komma schreiben kann weil der Leser selbst die Pausen da einfügt wo sie hingehören und wenn ein Schwede für sich selbst liest hört er in seinem Kopf die Atempausen zwischen den Worten.

“Prosodie” nennt man das und es ist fast unmöglich nachzuahmen, wenn man nicht in dieser Tonart in den Schlaf gewiegt wurde. Deshalb klingt in euren Ohren Schwedisch mit russischer Melodie klagend, mit arabischer starrsinnig und mit polnischer ungehalten und eintönig wie der Dialekt aus Uppsala. Und – lasst es uns zugeben – quälend wie falscher Gesang. Ich weiß. Nach einer Viertelstunde mit krächzendem Ungarisch-Schwedisch wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass es aufhört.

Zu allem Überfluss ist die unberechenbare Betonung wichtig für die Bedeutung, also glaube nicht du wüsstest was du sagst, bloß weil die Worte an der richtigen Stelle gelandet sind. Und dann das Schwerste überhaupt, die Inversion, eine seltene Eigenheit4, die letzte Verteididungslinie der Schweden, ohne jahrelanges Training unmöglich zu erzwingen: “Schau Boris, das Subjekt kommt immer nach dem Verb, wenn der Satz mit etwas anderem als dem Subjekt eingeleitet wird.” Verstanden? Macht nichts. Aber Boris sagt: “Letzte Woche ich verstand es, ich glaubte.”

Nein, das war noch nicht alles. Versuch einmal, mit Hilfe eines Wörterbuchs eine Zeitung zu lesen, oder auch Straßenschilder. Steht da Fahrradhelmpflicht? Flüchtlingsauffanglager? Sperrmüllraum? Oder wenigstens Weihnachtsessen? (Ich dachte lange Zeit, “Reimfleisch”5 sei ein Leiden, das sich stillsitzende Dichter einfangen.) Wie soll ein Vietnamese, dessen Sprache aus einsilbigen Worten besteht (in Hanio schreibt man Za-rem-ba), wissen, wie er “Zugriffsgeschwindigkeitsmessung” auseinanderklamüsern soll? Zug scheint ein Verkehrsmittel zu sein… Zugriff – ein Berg im Wasser mit Schienenverbindung?

Und dann der schwedische Tonfall: Hier ruft der Gast “Bist du noch ganz dicht?”, wenn der Kellner die Reste des Aquavits abräumen will. Jeder Schwede versteht, dass diese Äußerung auf den Durst des Gastes anspielt und nicht auf den Verstand des Kellners. Aber heutzutage gibt es Kellner, die das nicht verstehen. Die nehmen es persönlich. Doch doch, sie können die Sprache, aber nicht ihren Nerv.

Inger Lindberg, Professorin in Schwedisch als Fremdsprache, unterlag diesem Missverständnis und meint, dass der Ausländer die Geschichte der schwedischen Trinkkultur hätte studieren müssen, mitsamt Durst und Schuldgefühlen, Abstinenzbewegung und Stempelbuch6, um diesen Tonfall zu verstehen. Wessen Fehler war es? Der des Kellners, der zu wenig über die nordische Spirituosenneurose wusste, oder der der Professorin, die zu wenig über den Kellner wusste? Vielleicht hatten beide zu wenig “multikulturelle Kompetenz”? Siehe da, ein guter Ausgangspunkt für die Debatte darüber, wer sich wem anpassen soll.

Worauf will ich mit dieser Tirade hinaus? Darauf dass, weil es weder wahrscheinlich noch wünschenswert ist, dass Schweden weniger musikalisch werden, und weil die Sprache in diesem Land wohl auch in Zukunft der vorrangige Schlüssel zur Gemeinschaft bleiben wird (wichtiger als die Hautfarbe, will ich meinen), Schwedisch für Einwanderer ein Prestigeprojekt sein sollte, mit gut bezahlten Lehrern und ausgefeilter Pädagogik. Ein musikalisches Abenteuer sollte es sein. (Das haben sie an der Sprachschule Paragona in Warschau verstanden, wo Vokalexperten eingeflogen werden, damit kein Doktor “Sollen wir nackt baden?” sagt, wenn er “den Nacken badden”7 meint.)

Tatsächlich war es während eines kurzen Zeitraums in den Sechzigern mit etwas Glück möglich, nach drei Monaten sogar die Inversion zu beherrschen. Damals schafften es ein paar links angehauchte Sprachlehrer, die Regierung davon zu überzeugen, dass es unwürdig ist, das Schwedisch des Griechen bei “Geh nicht unter hängender Last” aufhören zu lassen. Das führte zu einer großzügigen Anzahl an Stunden, enthusiastischen Lehrern und motivierten Studenten.

Alles weitere ist eine Geschichte des Verfalls. Keine andere Schulform wurde über die Jahre so misshandelt wie SFI. Schimpft also nicht gleich auf den Einwanderer, wenn er sich nicht verständlich machen kann. Und schimpft auch nicht auf die Lehrer. Die haben nämlich so gut wie nichts zu sagen.

Versuch gern selbst, in einer Klasse mit dreißig Schülern (fünfzig, wenn du Pech hast) zu unterrichten, zu der jede Woche Anfänger hinzukommen, in der einige Hochschullehrer sind und andere nicht schreiben können, in der einige alles geben wollen während andere nichts geben können, weil sie nach der Vergewaltigung in Kenia auf Valium sind. Wieder andere sitzen da ihr drittes Jahr, weil jemand meinte, sie bräuchten “feste Routine und etwas zu tun”. Und du selbst, lieber Lehrer, hast vielleicht noch nie Erwachsene unterrichtet, wenn du überhaupt Sprachlehrer bist. Du bist vielleicht Tanzpädagoge und fragst deine Kollegen nach dem Unterschied zwischen Objekt und Subjekt (ja, das kam bei der staatlichen Lernia in Stockholm wirklich vor). Aber solltest du zufällig qualifizierter SFI-Lehrer sein und damit länger studiert haben als deine Kollegen, die Schweden unterrichten, dann bekommst du niedrigeren Lohn bei längeren Arbeitstagen.

Ich werde euch, liebe Leser, nicht mit all den Malen, wo zum Beispiel funktionierende Schulen eine nach der anderen stillgelegt wurden, langweilen; ich will nur ein paar symbolische Punkte zur Orientierung reichen. Es brauchte beispielsweise vierzig Jahre Einwanderung bis die Regierung einsah, warum man getrennte Kurse für Akademiker und Analphabeten braucht. Die SFI-Lehrer wussten das von Anfang an. Aber erst 2003 wurden sie erhört.

An der Sprachschule Paragona in Warschau, wo man in sieben Monaten Ärzteschwedisch unterrichtet, hat man eigene Unterrichtsmaterialien zusammengeschustert. Die meisten SFI-Bücher sind nicht anwendbar, bekomme ich zu hören, “weil sie Unbehagen bei den Studenten hervorrufen”.

Ich versuche es mit ”+46”, dem wohl meistverbreiteten Lehrbuch über Schwedisch als Fremdsprache. Das erste schwedische Ding, das man trifft, ist die Uhr. Ist es viertel vor oder viertel nach? Pünktlichkeit zählt. Einer der ersten Sätze, die man zu sagen lernt, ist, dass man krank ist. Wir heißen Abdul oder Keziban. Wir sind um acht Uhr in der Schule (das mit der Pünktlichkeit ist erst gemeint), gehen zur Apotheke, buchstabieren unseren verdammten Namen, bitten um Verzeihung, sind wieder krank und schon auf Seite 63 erfahren wir, wie die Zukunft aussieht: Fatemeh und Mohsen haben einen Laden, arbeiten 80 Stunden die Woche und sind froh darüber. Dann werden wir bestohlen und betrogen, wir achten auf Sonderangebote, heben den Kassenzettel auf, kaufen gebraucht, werden zum dritten mal krank, danach deprimiert, werden überwiesen, überfahren, treffen die einsame Gudrun mit dem kaputten Kreuz, dann Peter mit den Magenbeschwerden, wir werden allergisch, aber haben genug Kraft, Vokale zu üben: “Die Knie tun weh und die Nase ist verstopft” und Betonung: “Sie hat Fieber”, das Tempus nicht vergessen: “Ich hatte diese Woche keine Zeit”. Wir sehen schlecht, hören schlecht und es juckt, aber wir lernen die Körperteile “Ihr tut der … weh”.

Auf Seite 119 keimt Hoffnung auf mehr Heiterkeit. Alma aus dem 19. Jahrhundert erzählt. Leider falsch gelegen: Sie wird von Läusen angesteckt und stirbt, erst 49 Jahre alt, weil es damals kein Penicillin gab. Aber heute gibt es das! Neue Hoffnung, aber auf der nächsten Seite bricht sich Alice das Bein. Wir haben Probleme mit den Nachbarn, melden Verstopfung im Müllschacht, üben das Hörverstehen: “Nein, jetzt hat mir wieder jemand die Zeit gestohlen.” Wir machen ein Praktikum in der Großküche und lernen, Worte zusammenzusetzen: Praktikums-Platz.

Wenn wir auf Seite 190 ankommen, haben wir immer noch nicht gelernt, dass es “Sonne” und “Mond” heißt, aber wir haben sieben Mal unsere Personennummer aufgesagt.

Reicht es? Vielleicht noch eine Grammatikübung? Mach einen Satz aus zweien: “Er ist zu Hause. Er ist krank.”

Man könnte meinen es sei unmöglich, ein Schwedisch-Anfängerbuch ohne Meer, Schärengarten und Berge zu schreiben, ohne Schnaps, Psalmen und Eishockey, ohne Evert Taube und Bellman, ohne die Asa-Mythen (warum heißt es Thorstraße?), ohne auch nur einen Hauch schwedischer Kultur und wo niemand je flirtet, ins Theater geht, scherzt, wo ihm etwas gelingt oder er sich zumindest mit den unfehlbaren Produkten der Nobel AG um die Ecke bringt.

Es ist also doch möglich. Roy Anderssons Film “Lieder aus dem zweiten Stock” ist ein Lustspiel im Vergleich zur geruchlosen Hölle, die Almqvists & Wiksells Verlag da präsentiert. Nein, das ist kein einzelner Unglücksfall. Im “Handbuch Schwedisch als Fremdsprache” ist der Adressat ein Typ, der andauernd “genau” sagt und der sich allem Anschein nach vom Tropf ernährt und durch Zellteilung fortpflanzt, denn weder isst noch flirtet er, so beschäftigt ist er damit, Formulare auszufüllen.

Natürlich erzählen diese Bücher nicht von Schweden. Es ist der Einwanderer, der porträtiert wird. Unterbewusst natürlich. Aber woher kommt das Bild dieses armen Würstchens, das zum Sozialfall geboren ist, das an die Hand genommen und wie ein Kind angeredet werden muss? Niemand hat den Autoren entsprechende Anweisungen gegeben, also muss es aus der Luft kommen, die sie atmen. Kann dies ein weiterer Schlüssel zur Havarie der Integration sein? Während wir darauf waren, dass die Wissenschaft diese Frage beantwortet, lasst uns einen Blick darauf werfen, was dieses Bild für Konsequenzen hat.

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Fußnoten:
1 Das ist leider unübersetzbar, denn der Inhalt des Satzes ist unwichtig und zielt mit der falschen Schreibweise darauf ab, die typischen Fehler von Einwanderern in der Betonung der Vokale und der Satzmelodie in Schrift zu fassen.

2 Man stelle sich vor, “Schnurr” bedeute so viel wie “Schniedel”, um neben den Sprachschwierigkeiten auch die lustige Seite dieses Beispiels zu sehen.

3 Wiederum ist der Bedeutung dieses Satzes (“Der Lauspudel schreit an der Hausecke”) nebensächlich. Es geht hier um die Betonung auf mehreren Silben der Worte und um die langen Vokale.

4 Für Deutsche zum Glück gar nicht so schwer. Was seltsame Satzstellung angeht, machen wir den Schweden leicht was vor. Gleiches gilt natürlich für die zusammengesetzten Worte im nächsten Abschnitt.

5 Rim ist im Schwedischen der “Reim”, rimma bedeutet neben “reimen” aber auch “salzen”. Rimfläsk ist also “Pökelfleisch”. (Als mir nach 20 Minuten Grübeln kein ähnlich gutes deutsches Wortspiel einfiel, gab ich auf und erkläre es lieber.)

6 Früher mussten Schweden ein Buch zum Alkoholkauf beim Systembolaget mitbringen, in dem die Rationen abgestempelt wurden. Motbok nannte sich dieses.

7 Mit “badden” ist “baden, einwickeln” gemeint. Im Schwedischen liegt der hörbare Unterschied zwischen den beiden Sätzen nur in der länge der Vokale.

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  1. Die Aufteilung in zwei Seiten ist unfreiwillig. Aus mir unerfindlichen Gründen wird der längliche Text sonst nicht angezeigt.

  2. Klasse Beitrag, freue mich auf mehr !

  3. Wirklich einmalig! Hoffe, der nächste Artikel kommt bald!

  4. MEINE GÜTE !!!
    Danke für diesen Artikel. Bin selber auf Arbeitssuche in Deutschland, und hatte auch schon eine Hartz4-Phase hinter mir, aber ich glaube ich werde mich in Zukunft wieder weniger über “mein” Land beschweren!!
    Das ist ja genauso schlimm wie hier:
    “dem das gleiche Sozialamt vorschreibt, jeden Tag mindestens zwei Stunden am Bildschirm nach Arbeit zu suchen. Tut er das nicht, wird die Sozialhilfe gestrichen. Juhan würde lieber schreinern, wenn er Werkzeug hätte. Aber jetzt sitzt er hier seit anderthalb Jahren. Nein, er schaut nie auf den Bildschirm, denn er kann nicht lesen. Ja, auf dem Sozialamt weiß man das.”

    Genau solche total sinnlosen Schulungen, in denen ausgebildeten aber arbeitslosen Fachinformatikern nochmal erklärt wird wie man einen Computer anschaltet und dass man Einstellungen in der Systemsteuerung vornimmt (Ach!) und die das nur machen, damit sie keine Kürzungen oder Streichungen bekommen…

    In Schweden ist das System ja genauso marode wie hier bei uns! Jetzt glaub ich das nochmal so viel.

  5. Tja, wie heißt es so schön? – “Nur die Starken komm in Garten.” :D < —Ironie

    Aber mal im ernst, glaubt hier etwa auch nur einer, daß in Zeiten, wo man nicht einmal die eigene Bevölkerung mit Lohn und Brot in der Lage ist zu versorgen, noch jemand gesteigerten Wert auf Ausländer legt, die in ein Land (S eller D) ohne jede Vorbereitung kommen und glauben, man warte nur auf sie?

    Seien wir doch mal realistisch … in Berlin (Bundeshauptstadt) haben statistisch betrachtet im Moment nur noch ein Drittel (1/3 !!!) aller arbeitsfähigen Erwachsenen eine Anstellung, der Rest bezieht Leistungen auf die ein oder andere Art. Von diesem Drittel noch in Lohn und Brot stehender können aber noch lang nicht alle von ihrem Einkommen leben, sondern sind sogenannte Aufstocker, was das Land immer noch Geld kostet.

    Vor diesem Hintergrund betrachtet erscheint es mir zwar nicht glücklich, aber doch sehr nachvollziehbar, dass man politischen Willen zur Eingliederung von Ausländern kaum noch erkennen kann; und, lieber arbeitslooser, auch nicht mehr jedem persönlich zu seinem wirtschaftlichen Glück verhelfen kann.

    Genaugenommen ist es doch eigentlich schon so, dass in Europa zumindest der Anspruch eines jeden an sich selbst sein ganzen Leben lang in Lohn und Brot stehen zu dürfen, so wie unsere Großeltern es noch taten, mehr als an der Realität vorbei zielt. Wir haben, einem Jahrhundert intensiver Rationalisierung und Forschung geschuldet schlicht weg nicht mehr genug Arbeit für alle [Punkt].

    Und da hilft auch keine noch so gute Ausbildung mehr was.
    Wie viele Arbeiter kamen noch vor 50 Jahren auf einen Ingenieur in einer durchschnittlichen deutschen Firma und wieviele kommen heute auf diesen? Macht es Sinn aus allen "Wegrationalisierten" Arbeitern Ingenieure zu machen, wenn zugleich diese immer effizientere Technologien entwickeln und sich so mehr und mehr sogar zum Teil selbst überflüssig machen?

    Wenn 1/3 der arbeitsfähigen berliner Bevölkerung ausreicht, die Wirtschaft des ganzen Landes am Laufen zu halten, heißt das doch auf deutsch nichts anderes, als dass wir die restlichen 2/3 eigentlich nicht mehr brauchen!

    Gut die Stadt ist dreckig und die Grünanlagen sind verkrautet und ich muß meine einkaufstüten noch sleber einpacken im Supermarket, sicher da gibt es noch genug zu tun. Aber genug für 2/3 teils hochqualifizierte Menschen, Akademiker und arbeitswillige Zuwanderer?
    Und selbst wenn diese Frage mit "ja" zu beantworten wäre, muß man noch zusätzlich Fragen, ob diese dann auch davon entsprechend ihrer vita und Bildung leben können; d.h. bezahlt werden können?

    Einmal ganz abgesehen davon, was es mit einem Menschen macht, der als stupidierter Akademiker den Rest seines Lebens Menschen beim Unkrautjäten anleiten darf, für 8 Euro brutto die Stunde … oder als hochbegabte Designerin die Frequentierungshäufigkeit von Spielplätzen über Monate mittels zählen von Kindern und Müttern messen darf. (Alles keine erdachten sondern reale Fälle des Lebens.)

    Und trotz allem holt man sich nach wie vor weitere Einwanderer ins Land! Behauptet sogar noch D sei ein Einwanderungsland!
    Und das obwohl man weiß, dass diese auf dem Markt der Arbeit nur eine Chance haben, wenn sie ganz unten für ganz wenig Geld, eigentlich für zu wenig zum Leben, bereit sind zu arbeiten. So etwas ist eine Form von Lohnsklaverei und zugleich Zwangsarbeit für alle Deutschen und Einwanderer.

    Ja Zwangsarbeit, ihr habt richtig gelesen, die Bundesrepublik hat mit den Gesetzten und Praktiken des Arbeitslosengeldes II (Harz4) Tatsachen geschaffen, die nach von ihr selbst anerkannten internationalen Maßstäben die Kriterien für Zwangsarbeit erfüllen, aber das nur am Rande und es soll uns in einem Land auch nicht mehr wundern, in dem es so etwas wie einen "Armutsgewöhnungszuschlag" gibt [zur Erklärung, das ist der exakte Fachterminus für die über rund 3 Jahre stattfindende abwärtsgestaffelte Anpassung der Harz4-Bezüge von ALG1-Niveau auf Harz4-Normalsatz mittels eine auf das Harz4 gewährten rückläufigen Zuschlages]

    Stellt sich nun letztlich nur die Frage, was zum Kuckuck, Fuchs oder lieben Gott bezweckt man mit all dem?

    Wenn ich böse wäre und ja manchmal bin ich das, dann würde ich behaupten, man holt in diesem Staat hier Einwanderer ins Land, um die eigene Bevölkerung mit deren potenzieller Arbeitskraft und Bereitschaft zur Niedrigentlohnung zu erpressen selbst auf seit über hundert Jahre hart erkämpfte Privilegien (den eigenen Sozialstaat) bei Strafe eigener Arbeitslosigkeit und ARMUT zu verzichten.

    Hier fand ein stillschweigender Paradigmenwechsel statt, von einem Land das über 50 Jahre behauptete Armut im Inneren wie im Äußeren auf das schärfste zu bekämpfen, scheut man sich nun nicht mittels eines verwaltungstechnischen Fachterminus Armut als für große Bevölkerungsteile realen Zustand zu kennzeichnen.

    Ist da ein schwedischer Staat zu verurteilen, dessen folkhemmet-Gedanken, Arbeitgeber dazu bringt mit dem Hinweis auf die Bevorzugung inländischer Bewerber "Nein" zu sagen, wenn sich ausländische Fachkräfte um eine Stelle bewerben? Wenn man schlecht vorbereitete Einwanderer, die nicht einmal elementare Grundbegriffe der Sprache können, nur lieblos fördert bzw. erst gar nicht ins Land läßt?

    Traditionelle Einwanderungsländer wie bsw. Australien oder Kanada verlangen schon seit vielen Jahrzehnten von allen Zuzugswilligen Sprachkenntnisse nebst Wohn- und fester Arbeitsstelle im Vorfeld! Und kein internationaler Hahn kräht danach, ganz zu schweigen von der eigenen Bevölkerung. Nur in Deutschland ist dies scheinbar ein Problem – weniger im Volke – doch umso mehr in dessen politischen Vertreterkreisen. Warum?

    Doch trotz allem, marode sind die Systeme nicht, sie wandeln sich nur. Folgen der globalen Entwicklung. Und mit ihr müssen die Menschen sich in ihnen wandeln, müssen neue Aufgaben finden für sich und ihr Leben, jenseits von lebenslanger Lohnarbeit, müssen aber anderseits auch trotz allem befähigt werden, leben zu können, teilhaben zu dürfen.

    Und da fehlt es noch an Einsicht, nicht einmal an Konzepten, doch noch sehr an deren Umsetzungswillen, was Pragmatikern die Türen öffnet, wie jenem berliner Schuldirektor, der an seiner Schule statt Orientierung zum Berufsleben lieber einen Teil Einführung in die Harz4-Gesetzgebung (hilfestellung bei der Beantragung, Rechtsansprüche auf dies und das …) mit seinen Realschülern (größtenteils mit Migrationshintergrund) durchführte und für diese, an der bitteren Realität orientierte Qualifizierung seiner Kinder Medien- und Fachschelte bekam, dass einem nur so die Ohren sausten.
    Was hatte der Mann verbrochen?

    cu Fedelm

  6. Ernüchternd, differenziert und dabei sogar noch sehr unterhaltsam geschrieben. Freue mich auf mehr!

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