Miss deinen Schnurr

“Ich glaube nicht, dass die vom Sozialamt Sadisten sind”, sagt eine SFI-Lehrerin in Vårberg, “sie folgen wohl bloß ihren Regeln.” Ihr bester Schüler, eine armenische Lehrerin, soll gezwungen werden, den Schwedischkurs einen Monat vor dem Examen abzubrechen. Weil sie weiterstudieren will, ist dieses lebenswichtig für sie. Aber das Sozialamt meint, ihr Schwedisch sei gut genug, jetzt soll sie irgendeinen Job suchen, Arbeit geht vor. Nein, eine Stelle haben sie keine für sie. Aber will sie die Zuwendungen behalten, soll sie ihre Zeit auf dem “Jobmarkt” in Vårberg verbringen. (Unsere Armenierin ist nicht dumm. Sie meldet sich beim Jobmarkt, um dann in die Schule zu entwischen.)

Auf dem Jobmarkt sitzt dagegen Juhan Khaled, Möbelschreiner aus Kirkuk im Norden Iraks, dem das gleiche Sozialamt vorschreibt, jeden Tag mindestens zwei Stunden am Bildschirm nach Arbeit zu suchen. Tut er das nicht, wird die Sozialhilfe gestrichen. Juhan würde lieber schreinern, wenn er Werkzeug hätte. Aber jetzt sitzt er hier seit anderthalb Jahren. Nein, er schaut nie auf den Bildschirm, denn er kann nicht lesen. Ja, auf dem Sozialamt weiß man das.

Der Automechaniker Marion Hanna fährt jeden Tag von Södertälje nach Liljeholmen, um in einem Schnellkurs Schwedisch zu lernen. Er sagt, er habe nicht darum gebeten und verstehe so gut wie nichts, genauso wie die anderen 18 in seiner Gruppe. “Der halbe Tag geht so für mich drauf. Ich lerne mehr, wenn ich meiner Tochter Märchen vorlese”, sagt Marion. Wie ist er denn dort gelandet? Er glaubt, dass die Gemeinde den Kurs schon eingekauft hatte und dann mit Leuten füllen musste. “Das ist Wahnsinn. Ein Mensch mit geringer Ausbildung kann keine acht Stunden täglich dasitzen und Grammatik erklärt bekommen – auf Schwedisch”, sagt ein SFI-Lehrer.

Und dann haben wir Abdulrahman Ali, der eigentlich Glück hat. Er fuhr LKW im Irak und kam jetzt in den Schwedischkurs für LKW-Fahrer, eine schlaue Erfindung der SFI-Lehrer in Vårberg (in Schweden werden 7000 LKW-Fahrer gesucht). Aber das Sozialamt will seine Unterstützung streichen. Er soll stattdessen auf dem Jobmarkt sitzen, denn Studien gelten nicht als Beschäftigung.

Oder der Schweißer Ali Firas. Die werden von der Industrie händeringend gesucht und Firas hat es sogar geschafft, in eine Weiterbildung für die schwedische Lizenz zu kommen, und bräuchte nur ein wenig Geld zum Leben während des Kurses. Aber das Sozialamt sagt nein. Sie haben herausgefunden, dass Firas nachts auf den Booten nach Finnland putzt und finden, dass er das auch weiterhin tun sollte.

Ich muss auch von Safia Nasser erzählen, die in Bagdad Mathe und Arabisch unterrichtete. Ihr Mann hatte eine Schmuckgeschäft. “Alles weg.” Jetzt hat sie fast als Vorschullehrerin (Mangelberuf) Fuß gefasst, “aber sie sagen ich muss besser Schwedisch”. Das würde sie nur zu gerne. Aber das Sozialamt findet, sie könne genug. Sie verliert ihre Beihilfe, wenn sie weiter Schwedisch lernt. Schweden kann es sich nicht leisten, sie noch zwei Monate im SFI zu behalten. Ein seltsames Land, findet Magister Nasser, denn es war genug Geld da, sie zu einem Kurs zu schicken, um den sie nicht gebeten hatte. Der dauerte sechs Monate bei Lernia in Liljeholmen. Das war etwas mit “Marktwirtschaft”, glaubt Nasser. Sie kann es nicht genau sagen, denn damals verstand sie kein Schwedisch.

(Für die, die es nicht wissen: Für die “Integration” sind das Arbeitsamt, das Amt für Erwachsenenausbildung, die Regionsverwaltungen und das Einwanderungsamt zuständig. Aber auf dem Unterhaltsgeld sitzt das Sozialamt, das am meisten zu sagen hat. Deshalb die unzähligen Reibereien zwischen diesen Behörden.)

Auch wenn die Integration missglückt ist, geht es der Integrationsindustrie bestens. Im ganzen Land spießen Ausbildungsfirmen aus dem Boden, unbekümmert von der Börse, denn ihr Markt ist politisch, nicht ökonomisch. Einige Firmen liefern auch Ausbildung. Was andere abliefern werden wir gleich zu sehen bekommen.

Ich brauchte drei Tage um herauszufinden, welchen Kurs Frau Ambro denn jetzt drei Monate lang besucht hat. Sie konnte mir weder die Adresse noch den Namen der Schule nennen. Man nimmt den Bus von Farsta, vielleicht war es Nummer 1831, erzählt Frau Ambro, nach Telje steigt man dann aus. Telje in Farsta? Ach, Telia! Das macht sie jeden Nachmittag, fünf Tage die Woche. Sie ist 59 Jahre alt und sehr müde nach dem Schwedischunterricht an den Vormittagen, besonders weil zum Essen zwischen Vårberg und Farsta keine Zeit bleibt. Wovon handelt der Kurs denn? “Das kann ich nicht sagen”, sagt Frau Ambro, “weil ich nicht verstehe, was sie sagen. Aber ich glaube es geht ums Wetter.” Sie hatte ein Geschäft in Mogadischu, spricht zusätzlich Arabisch, aber hat nie lesen gelernt. (Ihre Muttersprache Somali wurde erst 1972 Schriftsprache.) Sie will nicht nach Farsta fahren, “um drei Stunden lang auf die Uhr zu schauen”. Aber tut sie es nicht, bekommt sie kein Geld zum Leben.

Der Kurs heißt Thema Kommunikation. Die Firma, die ihn der Gemeinde Stockholm verkauft hat, nennt sich Kompetenzausbildung AG. Man sagt, die Schüler sollen da Alltagsschwedisch üben. Zum Beispiel Briefe schreiben. Der Medizinstudent aus Taschkent scheint das gut hinzubekommen. Aber ist das Unterricht, was ich da sehe? Die Lehrerin redet vor allem selbst, ja, tatsächlich übers Wetter. “Jetzt ist Herbst, die Blätter fallen. Wir stellen die Uhren um.” Manchmal stellt sie eine Frage, aber berichtigt die Antworten nicht. Was macht Frau Ambro in dieser Klasse? Ich habe es gestoppt: In den drei Stunden Unterricht durfte sie eine Minute und zwanzig Sekunden lang ihr Schwedisch üben. Das war das eine Mal als sie die Frage verstand. Für diese Sekunden haben wir der Kompetenzausbildung AG 240 Kronen gezahlt. Das entspricht ungefähr 15.000 Kronen pro Stunde für Frau Ambros effektive Sprachausbildung.

Hinterher frage ich den Chef warum man der Gemeinde nicht sofort mitgeteilt hat, dass Frau Ambro nichts von diesen Stunden hat (von denen sie jetzt fünfhundert Stück durchgemacht hat). Das hätte jeder normaler Lehrer getan. Da windet sich der Chef und sagt, dass “die Sprache zu hören immer etwas bringt”. Das ist wahr. Aber Frau Ambro hat schon ein Radio.

Aber sag nicht, dass die teure “Einführung” ein schlechtes Geschäft sei. Die 4.840 Kronen, die Kompetenzausbildung jeden Monat für die Aufbewahrung von Frau Ambro bekommt, sind mehr als diese zum Leben bekommt.

“Die dachten nur ans Geld”, sagt ein Lehrer, der Anfang des Jahrzehnts für die Firma gearbeitet hat. “Man will zwar heute überall Vielfalt, aber kommt man mit Schwedischlehrern aus, die nicht rechtschreiben können?” fragt sich ein anderer ehemaliger Angestellter. Zuletzt senkte die Firma die Gehälter der Lehrer auf das niedrigste Niveau der Branche und erhöhte das Pensum auf dreißig volle Stunden Unterricht pro Woche, fast doppelt so viel wie an Gymnasien üblich. Früher nannte man so etwas “Ausbeutung”. Jeder weiß, dass Unterricht, der diesen Namen verdient, unter solchen Bedingungen nicht möglich ist.

Jetzt fragt sich der Leser vielleicht, wer diese Kapitalisten sind, die entdeckt haben, was für ein gutes Geschäft der Flüchtling ist. Vorsitzender der Kompetenzausbildung AG ist Tomas Eneroth, Vorstandsmitglied bei SAP, vormals Vorsitzender im Ausbildungsausschuss des Reichstags und auch bei Lernia. Und der Geschäftsführer heißt Jonas Thoursie, ein alter Freund von Eneroth aus JuSo-Tagen.

Viele Gemeinen, darunter Stockholm, haben ihre SFI-Ausbildung in Firmen ausgegliedert. Der Gedanke dahinter war, dass die Konkurrenz die Preise drückt und die Qualität erhöht. Am liebsten beides zugleich. Sicherlich kann Konkurrenz auch für Schulen und Pflegeheime unter gewissen Voraussetzungen gesund sein. Aber ein funktionierender Merkt setzt gut informierte und mündige “Kunden” voraus. Und dass man wirklich eine Wahl hat.

Wie glaubt ihr würden Autowerkstätten aussehen, wenn man die neuen Bremsen mit Kupons vom Sozialamt bezahlen müsste, wenn man sich die Werkstatt nur von einer Liste auf Französisch aussuchen und bei Unzufriedenheit nicht wechseln dürfte? Bestenfalls würden ein paar Automechaniker aus reiner Berufsehre versuchen, sauber zu bleiben. Aber wohl nicht sehr viele.

Genau das ist dagegen der Zustand bei SFI. Als “Kunde” sind Flüchtlinge in unserem System so gut wie machtlos. Die Alten im Heim haben vielleicht noch einen Angehörigen, der Alarm schlagen kann bei Pflegemissständen. Die Flüchtlinge haben niemanden. Viele können nicht einmal beurteilen, ob ihr Unterricht gut oder schlecht ist, denn womit soll ihn der irakische Unteroffizier vergleichen? Man hätte sich also mit dem Hintern ausrechnen können, dass es nur eine Frage der Zeit ist bis die Schnäppchenjäger angerannt kommen, wenn man SFI dem Markt aussetzt.

Habt deshalb Mitgefühl mit den armen SFI-Lehrern, die ständig zu hören bekommen, sie würden die Integration eigenhändig zugrunde richten. Sie bekommen nur selten die Chance, ihre Arbeit gut zu machen. Beschuldigt also nicht die Lehrer, sondern ihre Arbeitgeber und lasst die Revisoren einmal ein Auge auf die zuweilen engen Freundschaften zwischen unseriösen SFI-Unternehmern und deren Auftraggeber in den Gemeinden werfen.

Unter diesen Vorraussetzung wäre SFI zur Katastrophe geworden, gäbe es nicht die Idealisten. Wer funktionierendes SFI sehen will, braucht nur die rote Linie nach Süden zum Erwachsenengymnasium in Vårberg zu nehmen.

Dort kann man sich mit Michael Carnheden über das Getriebe der R-Serie von Scania unterhalten, oder über den richtigen Gebrauch des konjugierten Verbs, oder was der r-Laut bei Baudelaire bewirkt. Zur Zeit bringt er zwanzig Einwanderern LKW-Schwedisch bei. Der Kurs läuft seit September und spätestens im Mai sollen alle den C-Führerschein haben und hinterm Steuer sitzen.

Vårbergs SFI-Lehrer haben ihre Kompetenzen überschritten. Sie haben die Region nach Flüchtlingen mit Mangelberufen durchsucht, haben ihnen angepasste Kurse zusammengestellt, haben Pakte mit Praxen, Speditionen und Einzelhandelschefs geschlossen und haben – das Allerschwierigste – eine ganze Reihe von Sozialämtern davon überzeugt, Ausnahmen von diversen Regeln zu machen (wie die, dass Ausbildung nicht als Beschäftigung gilt). Und sie sorgten dafür, dass die Leute zu Essen und ein Dach über dem Kopf hatten. Eigentlich Selbstverständliches, könnte man meinen. Aber weil unser Integrationsapparat so aufgebaut ist wie er ist, war es eine kleine Heldentat.

“Idealismus”, schrieb ich, aber das war das falsche Wort. “Respekt” ist eher am Platz. Zuallererst vor sich selbst als Lehrer. Und vor den Schülern.

Wie bezeugt man einer Frau Respekt, die sich zum Pflegepersonal ausbildet, aber zum Unterricht in ein graues somalisches Gewand verhüllt kommt? So vielleicht: “In diesem wunderschönen Kleid wirst du nicht im Krankenhaus arbeiten können. Wenn du immer so gekleidet sein musst, ist es wohl besser, dass du abbrichst.” “Und schau an, am nächsten Tag kam sie mit rosa Kopftuch und normaler Kleidung und wirkte sehr zufrieden damit, dass sie mich dazu gebracht hat, mich zu beschweren.”, erzählt die Lehrerin.

Siehe da, eine elegante Art, das mit der “Kultur” zu handhaben. Von weniger eleganten handelt der nächste Artikel.

Juhan Khaled, Marion Hanna, Abdulrahman Ali, Ali Firas, Safia Nasser und Frau Ambro heißen in Wirklichkeit anders.

Maciej Zaremba

Übersetzt aus dem Schwedischen. Für mehr Information dazu, zur Lizenz und zu den fünf anderen Teilen der Artikelserie bitte hier entlang.

Svenska originalet publicerades i DN, 2009-03-03. Jag tackar Maciej Zaremba för tillstånd att publicera min översättning.

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  1. Die Aufteilung in zwei Seiten ist unfreiwillig. Aus mir unerfindlichen Gründen wird der längliche Text sonst nicht angezeigt.

  2. Klasse Beitrag, freue mich auf mehr !

  3. Wirklich einmalig! Hoffe, der nächste Artikel kommt bald!

  4. MEINE GÜTE !!!
    Danke für diesen Artikel. Bin selber auf Arbeitssuche in Deutschland, und hatte auch schon eine Hartz4-Phase hinter mir, aber ich glaube ich werde mich in Zukunft wieder weniger über “mein” Land beschweren!!
    Das ist ja genauso schlimm wie hier:
    “dem das gleiche Sozialamt vorschreibt, jeden Tag mindestens zwei Stunden am Bildschirm nach Arbeit zu suchen. Tut er das nicht, wird die Sozialhilfe gestrichen. Juhan würde lieber schreinern, wenn er Werkzeug hätte. Aber jetzt sitzt er hier seit anderthalb Jahren. Nein, er schaut nie auf den Bildschirm, denn er kann nicht lesen. Ja, auf dem Sozialamt weiß man das.”

    Genau solche total sinnlosen Schulungen, in denen ausgebildeten aber arbeitslosen Fachinformatikern nochmal erklärt wird wie man einen Computer anschaltet und dass man Einstellungen in der Systemsteuerung vornimmt (Ach!) und die das nur machen, damit sie keine Kürzungen oder Streichungen bekommen…

    In Schweden ist das System ja genauso marode wie hier bei uns! Jetzt glaub ich das nochmal so viel.

  5. Tja, wie heißt es so schön? – “Nur die Starken komm in Garten.” :D < —Ironie

    Aber mal im ernst, glaubt hier etwa auch nur einer, daß in Zeiten, wo man nicht einmal die eigene Bevölkerung mit Lohn und Brot in der Lage ist zu versorgen, noch jemand gesteigerten Wert auf Ausländer legt, die in ein Land (S eller D) ohne jede Vorbereitung kommen und glauben, man warte nur auf sie?

    Seien wir doch mal realistisch … in Berlin (Bundeshauptstadt) haben statistisch betrachtet im Moment nur noch ein Drittel (1/3 !!!) aller arbeitsfähigen Erwachsenen eine Anstellung, der Rest bezieht Leistungen auf die ein oder andere Art. Von diesem Drittel noch in Lohn und Brot stehender können aber noch lang nicht alle von ihrem Einkommen leben, sondern sind sogenannte Aufstocker, was das Land immer noch Geld kostet.

    Vor diesem Hintergrund betrachtet erscheint es mir zwar nicht glücklich, aber doch sehr nachvollziehbar, dass man politischen Willen zur Eingliederung von Ausländern kaum noch erkennen kann; und, lieber arbeitslooser, auch nicht mehr jedem persönlich zu seinem wirtschaftlichen Glück verhelfen kann.

    Genaugenommen ist es doch eigentlich schon so, dass in Europa zumindest der Anspruch eines jeden an sich selbst sein ganzen Leben lang in Lohn und Brot stehen zu dürfen, so wie unsere Großeltern es noch taten, mehr als an der Realität vorbei zielt. Wir haben, einem Jahrhundert intensiver Rationalisierung und Forschung geschuldet schlicht weg nicht mehr genug Arbeit für alle [Punkt].

    Und da hilft auch keine noch so gute Ausbildung mehr was.
    Wie viele Arbeiter kamen noch vor 50 Jahren auf einen Ingenieur in einer durchschnittlichen deutschen Firma und wieviele kommen heute auf diesen? Macht es Sinn aus allen "Wegrationalisierten" Arbeitern Ingenieure zu machen, wenn zugleich diese immer effizientere Technologien entwickeln und sich so mehr und mehr sogar zum Teil selbst überflüssig machen?

    Wenn 1/3 der arbeitsfähigen berliner Bevölkerung ausreicht, die Wirtschaft des ganzen Landes am Laufen zu halten, heißt das doch auf deutsch nichts anderes, als dass wir die restlichen 2/3 eigentlich nicht mehr brauchen!

    Gut die Stadt ist dreckig und die Grünanlagen sind verkrautet und ich muß meine einkaufstüten noch sleber einpacken im Supermarket, sicher da gibt es noch genug zu tun. Aber genug für 2/3 teils hochqualifizierte Menschen, Akademiker und arbeitswillige Zuwanderer?
    Und selbst wenn diese Frage mit "ja" zu beantworten wäre, muß man noch zusätzlich Fragen, ob diese dann auch davon entsprechend ihrer vita und Bildung leben können; d.h. bezahlt werden können?

    Einmal ganz abgesehen davon, was es mit einem Menschen macht, der als stupidierter Akademiker den Rest seines Lebens Menschen beim Unkrautjäten anleiten darf, für 8 Euro brutto die Stunde … oder als hochbegabte Designerin die Frequentierungshäufigkeit von Spielplätzen über Monate mittels zählen von Kindern und Müttern messen darf. (Alles keine erdachten sondern reale Fälle des Lebens.)

    Und trotz allem holt man sich nach wie vor weitere Einwanderer ins Land! Behauptet sogar noch D sei ein Einwanderungsland!
    Und das obwohl man weiß, dass diese auf dem Markt der Arbeit nur eine Chance haben, wenn sie ganz unten für ganz wenig Geld, eigentlich für zu wenig zum Leben, bereit sind zu arbeiten. So etwas ist eine Form von Lohnsklaverei und zugleich Zwangsarbeit für alle Deutschen und Einwanderer.

    Ja Zwangsarbeit, ihr habt richtig gelesen, die Bundesrepublik hat mit den Gesetzten und Praktiken des Arbeitslosengeldes II (Harz4) Tatsachen geschaffen, die nach von ihr selbst anerkannten internationalen Maßstäben die Kriterien für Zwangsarbeit erfüllen, aber das nur am Rande und es soll uns in einem Land auch nicht mehr wundern, in dem es so etwas wie einen "Armutsgewöhnungszuschlag" gibt [zur Erklärung, das ist der exakte Fachterminus für die über rund 3 Jahre stattfindende abwärtsgestaffelte Anpassung der Harz4-Bezüge von ALG1-Niveau auf Harz4-Normalsatz mittels eine auf das Harz4 gewährten rückläufigen Zuschlages]

    Stellt sich nun letztlich nur die Frage, was zum Kuckuck, Fuchs oder lieben Gott bezweckt man mit all dem?

    Wenn ich böse wäre und ja manchmal bin ich das, dann würde ich behaupten, man holt in diesem Staat hier Einwanderer ins Land, um die eigene Bevölkerung mit deren potenzieller Arbeitskraft und Bereitschaft zur Niedrigentlohnung zu erpressen selbst auf seit über hundert Jahre hart erkämpfte Privilegien (den eigenen Sozialstaat) bei Strafe eigener Arbeitslosigkeit und ARMUT zu verzichten.

    Hier fand ein stillschweigender Paradigmenwechsel statt, von einem Land das über 50 Jahre behauptete Armut im Inneren wie im Äußeren auf das schärfste zu bekämpfen, scheut man sich nun nicht mittels eines verwaltungstechnischen Fachterminus Armut als für große Bevölkerungsteile realen Zustand zu kennzeichnen.

    Ist da ein schwedischer Staat zu verurteilen, dessen folkhemmet-Gedanken, Arbeitgeber dazu bringt mit dem Hinweis auf die Bevorzugung inländischer Bewerber "Nein" zu sagen, wenn sich ausländische Fachkräfte um eine Stelle bewerben? Wenn man schlecht vorbereitete Einwanderer, die nicht einmal elementare Grundbegriffe der Sprache können, nur lieblos fördert bzw. erst gar nicht ins Land läßt?

    Traditionelle Einwanderungsländer wie bsw. Australien oder Kanada verlangen schon seit vielen Jahrzehnten von allen Zuzugswilligen Sprachkenntnisse nebst Wohn- und fester Arbeitsstelle im Vorfeld! Und kein internationaler Hahn kräht danach, ganz zu schweigen von der eigenen Bevölkerung. Nur in Deutschland ist dies scheinbar ein Problem – weniger im Volke – doch umso mehr in dessen politischen Vertreterkreisen. Warum?

    Doch trotz allem, marode sind die Systeme nicht, sie wandeln sich nur. Folgen der globalen Entwicklung. Und mit ihr müssen die Menschen sich in ihnen wandeln, müssen neue Aufgaben finden für sich und ihr Leben, jenseits von lebenslanger Lohnarbeit, müssen aber anderseits auch trotz allem befähigt werden, leben zu können, teilhaben zu dürfen.

    Und da fehlt es noch an Einsicht, nicht einmal an Konzepten, doch noch sehr an deren Umsetzungswillen, was Pragmatikern die Türen öffnet, wie jenem berliner Schuldirektor, der an seiner Schule statt Orientierung zum Berufsleben lieber einen Teil Einführung in die Harz4-Gesetzgebung (hilfestellung bei der Beantragung, Rechtsansprüche auf dies und das …) mit seinen Realschülern (größtenteils mit Migrationshintergrund) durchführte und für diese, an der bitteren Realität orientierte Qualifizierung seiner Kinder Medien- und Fachschelte bekam, dass einem nur so die Ohren sausten.
    Was hatte der Mann verbrochen?

    cu Fedelm

  6. Ernüchternd, differenziert und dabei sogar noch sehr unterhaltsam geschrieben. Freue mich auf mehr!

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