Wählen gehen

Ich war heute Morgen wählen und hoffe, dass alle, die das noch nicht getan haben und das hier lesen, sich auch noch ins Wahllokal aufmachen. Hier in Stockholm scheint sogar die Sonne, was sich hoffentlich gut auf die Wahlbeteiligung auswirkt.

Wie läuft der Wahlvorgang in Schweden ab? Man schnappt sich seinen Ausweis und die Wahlkarte, die man vor einigen Wochen per Post bekommen hat, und begibt sich damit zum auf eben dieser angegebenen Wahllokal – wenn man nicht schon vorab an einem der seit 20. Mai offenen Wahllokale abgestimmt hat. 12 Prozent Wahlbeteiligung (800.000 Stimmen) kamen auf diese Weise schon vor heute zusammen.

Vor dem Wahllokal erwarten einen die Helferlein der Parteien:

Wahl 090607

Diese dürfen ankommende Wähler nicht mehr beeinflussen, sondern ihnen lediglich sagen für welche Partei sie stehen und den entsprechenden Stimmzettel aushändigen.

Gewählt wird nämlich nicht, indem man eine Partei ankreuzt, sondern indem man das A6-große Papier der entsprechenden Partei in ein Kuvert steckt. Diese Zettel bekommt man auch noch im Wahllokal:

Wahl 090607

Auf dem Stimmzettel kann man, wenn man möchte, einen Kandidaten der jeweiligen Parteiliste ankreuzen, um ihm oder ihr in der Reihenfolge nach vorne zu helfen. Der leere Zettel in der Mitte erfüllt zwei Funktionen:


  • Zum einen ist dafur da, ungültig zu stimmen. Das nennt man hier “leer/blank abstimmen”. Dazu braucht man den Zettel, denn die Kuverts haben eine Aussparung, wo die Wahlhelfer sehen können, dass ein Zettel darin ist, aber naturlich nicht welcher.

  • Zum anderen kann es passieren, dass in einem Lokal die Stimmzettel einer Partei ausgehen oder dass eine kleine Partei es logistisch nicht hinbekommen hat, ihre Zettel in alle Lokale zu bringen. Dann kann man auf den leeren Zettel den Namen der Partei schreiben. Eine bestimmte Person kann man dann aber nicht ankreuzen, auch wenn man den Namen wüsste.

Dann geht man mit dem Kuvert und den Wahlzetteln hinter einen Schirm, steckt den Zettel seiner Wahl ins Kuvert, klebt es zu und geht zum Tisch mit den Helfern und der Urne. Dort zeigt man seinen Ausweis und die Wahlkarte, es wird der eigene Name im Wahlregister gestrichen und das Kuvert kommt in die Urne. Mit dem Lächeln der Helfer ist man dann fertig:

Wahl 090607

Schlagworte: , , , ,

  1. Oh interessant, dass mit den leeren Wahlzetteln find ich gut und das man da nix ankreuzen muß, auch … das sollte zumindest älteren Leuten sehr entgegen kommen.
    Denn in Deutschland ist ja schon allein der fast 1,5 Meter lange und gut 30 cm breite Wahlzettel eine nicht zu unterschätzende Hürde, wenn man nicht mehr gut sehen kann, oder die Hände nicht mehr so recht wollen.

    Zum Glück braucht man dieses Monstrum dann wenigstens nicht mehr in irgend ein Couvert zu stecken, sondern kann es gleich irgendwie gefaltet in die Urne buxieren.

    Ist es denn nun aber wirklich so, dass die Parteienvertreter vor der Tür einen nicht doch ein wenig versuchen noch zu beeinflussen? Ich könnte mir das schon vorstellen, die Veruschung ist doch sehr große denke ich mal, oder?

    Fedelm

    PS: Wir waren übrigens wählen, trotz des schlechten Wetters … und ich hab’s gleich mal als erste Gelegenheit genutzt, meiner Tochter (10) das Ganze mit der EU und den Wahlen in den Demokratien ein wenig zu erklären. Weil, in D haben die sowas bisher (5. Klasse) in der Grundschule (leider) noch nicht thematisiert. Was zur Folge hatte, dass sie wirklich nicht die geringste Ahnung hatte, was wir da machen wollen und wofür sowas gut sein soll.

  2. Na ja, es stehen ja mehrere Parteien da und die anderen würden sich sofort beschweren, wenn einer noch Einfluss auf Wähler nehmen würde. Eifrig die Zettel zu verteilen ist alles, was die da machen.

  3. Hier in Rostock war auch schlechtes Wetter und clevererweise wurden 3 verschiedene Wahllokale (hier in Rostock geht’s nach Stadtteilen zu den Wahllokalen, oder nach Straßen… allein die KTV hatte 4 Wahllokale) in einem Gebäude eingerichtet… Wir hatten gleich zwei Wahlen: die Europawahl und die Bürgerschaftswahl…. Gab also zwei Monster-Bögen… waren beide irgendwie gleich unhandlich….
    Die Bürgerschaftswahl fiel mir leichter, weil ich einige Kandidaten als Dozenten kenne und die freien Bürger sich häufiger zur Wahl stellen als die Parteien, dementsprechend gabs der Listen viele… Aber zur Bürgerschaftswahl war der Wahlkampf präsenter als der zur Europawahl…. Entscheidungshilfe gab der Wahlkampf sehr: wenn ein Kandidat sein tolles Programm nicht mit eigenen Worten darlegen oder Punkte an konkreten Beispielen nahelegen konnte (was ich leider häufig erlebt habe), fiel er aus dem engeren Kreis einfach raus: Was man auf der Straße nicht schlüssig erklären kann, kann man auch im Kreistag nicht.

    Bei der Europawahl gabs ja leider keine Erst- oder Zweitstimme… sondern eben nur eine…. Was schade ist. Weil ich dann beiden Favoritenparteien ne Stimme hätte geben können…. So gings nach dem von Fedelm so verteufelten Prinzip: Welche Partei kann ich aus dem Bauch heraus eher mit meinem Gewissen vereinbaren… War in jedem Fall das Richtige (für mich). Ich denke, dass jeder auch eine Partei wählt, mit der er/sie sich auch identifiziert und bei der er ein gutes Gefühl hat. Nützt nichts, wenn die Logik etwas impliziert, was man auf den Tod nicht ausstehen kann….

  4. Ich war hier ja auch gerade wählen. Die Sache mit den Wahlzetteln hat ja schon einen komischen Beigeschmack für mich. Mit einer geheimen Wahl hat das doch nichts zu tun, wenn jeder sehen kann, welchen Wahlzettel ich nehme. OK, theoretisch kann ich mir natürlich von jeder Partei einen Zettel nehmen und in der Wahlkabine nur einen in den Umschlag stecken. Aber ernsthaft macht das dann ja doch niemand. Und auch im liberalen Schweden kann ich mir genug Konstellationen vorstellen, wie Ehepartner, Freunde, Verwandte aufeinander Einfluß nehmen könnten…

  5. Christoph: Doch, das macht man. Ich kann zwar keine Statistik nennen, wieviele jeder mit in die Kabine nimmt, aber es ist sehr üblich, sich einfach alle geben zu lassen von den Menschen vor der Tür. Man wird fast schon seltsam angeschaut, wenn man einen ablehnt, schließlich ist das dann eine bewusste Aussage.

    Nachtrag: Genauso wie man selbst wählt, ob man seinen Freunden seine Wahl verrät, hat man so eben auch vor dem Wahllokal die Wahl, sich ganz neutral zu verhalten (alle Zettel nehmen) oder eine Aussage zu machen. (Letztere muss nicht einmal “echt” sein, denn man kann sich drinnen ja immer noch alle Stimmzettel nehmen.)

    Ich finde nicht, dass die geheime Wahl wegen dieses Systems mit den Stimmzetteln (das übrigens genauso bei Reichstags- und Kommunalwahlen zum Einsatz kommt) in irgendeiner Weise gefährdet ist.

  6. Der leere Zettel dient in erster Linie dazu, sich zu enthalten und nicht ungültig zu stimmen, oder?!

  7. I: Ja, aber das ist rechnerisch dasselbe. Es gibt also kein “ungültig” in Schweden.

  8. nun, haben wir den Salat … es wird dunkel in Europa

Kommentieren

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Mögliche Formatierungen im Kommentar anstatt HTML: "Linktext":http://url/, _kursiv_, *fett*, mehr.