In Stockholm wird eifrig an Straßen und Schienen gebaut, und zwar vor allem unterirdisch. Eine kleine Übersicht.
- Norra länken, die “nördliche Verbindung”, Info, Karte. Einer von fünf Straßenkilometern ist schon in Betrieb, der Rest der Strecke besteht vor allem aus Tunnel und soll 2015 fertig sein. Zusammen mit dem Södra länken und dem Essingeleden ergibt sich damit ein dreiviertel Ring um die Innenstadt und der wichtige Freihafen hinter Östermalm wird besser an die Autobahnen E18 und E4/E20 angeschlossen. Kosten: gut 11 Milliarden Kronen. Weil der Stockholmer Uni-Campus über der Strecke liegt, sind die Sprengungen dort fast täglich zu spüren.
- Förbifart Stockholm, Info, Karte. Die “Vorbeifahrt Stockholm”, also eine weitläufige Umgehung, um den Durchgangsverkehr auf Schwedens wichtigster Nord-Süd-Verbindung (E4) der Stadt und dem überlasteten Essingeleden abzunehmen, ist eines der umstrittensten Projekte. 25 Milliarden Kronen sollen die 21 km von Kungens kurva im Süden bis Häggvik im Norden der Stadt kosten. Es wird ein weiter Bogen westlich an der Stadt vorbei geschlagen – 80 Prozent davon wiederum unterirdisch, vor allem aus Umweltschutzgründen. Erst gestern fiel die Entscheidung der Regierung, den Bau in Angriff zu nehmen. Geplante Bauzeit ist 2012-2020.
- Citybanan, Info, Karte. An der “City-Bahn” wird wie am Norra länken schon eifrig gegraben und gesprengt. Es geht hierbei um einen 6 km langen Eisenbahntunnel unter der gesamten Innenstadt, von Södermalm gen Norden unter dem Wasser und der Altstadt hindurch zum (ausgebauten) Hauptbahnhof, dann weiter zum Odenplan (der eine neue Haltestelle für die Pendelzüge bekommt), um dann beim Karolinska institutet wieder auf die bisherigen Gleise zu stoßen. Hintergrund ist das chronische Kapazitätsproblem der Schienen zum Hauptbahnhof, der ziemlich eingeklemmt liegt. Sowohl nach Norden als auch nach Süden gibt es deshalb immer wieder Probleme. Die Citybanan wird die Kapazitäten verdoppeln. Wegen der Bauarbeiten ist die blaue Linie der U-Bahn noch bis Oktober unterbrochen und es wird im Dreischicht-Betrieb gearbeitet, um diese Zeit so kurz wie möglich zu halten. 16 Milliarden Kronen sind veranschlagt; 2017 sollen die ersten Züge durch den Tunnel rollen.
- Centralstationen. Der Hauptbahnhof selbst soll bis 2012 für eine knappe Milliarde Kronen aufgerüstet werden, unter anderem um den Energieverbrauch um ein viertel zu senken und um wiederum der wachsenden Anzahl Reisender gerecht zu werden.
- Slussen, Info mit Bildern. Die Umgebung um die Schleuse zwischen Södermalm und der Altstadt, die das Seengebiet Mälaren von der Ostsee trennt, ist auch für den Autoverkehr ein Nadelöhr (dem man zudem noch ansieht, dass es für Linksverkehr gebaut wurde) und beileibe keine Perle im Stadtbild. Schon 1992 gab es den ersten Architektenwettbewerb für einen neuen Slussen. Es sollte nicht der letzte bleiben. Dieses Frühjahr hat sich die Verwaltung jedoch durchgerungen, für 6 Milliarden Kronen eine vereinfachte Version des geschwungenen und offen wirkenden Architektenvorschlags vom letzten Jahr zu bauen. Keine Hochhäuser oder ein gewaltiges Opernhaus, sondern Wohnungen, Geschäfte und Flaniermeile sollen die Betongwüste bis 2018 ablösen (siehe Bilder). In diesem Zusammenhang taucht auch immer wieder der Vorschlag auf, die hässliche U-Bahn-Brücke an der Altstadt vorbei loszuwerden, indem man sie in einem weiteren Tunnel unter dem Wasser, also neben der Citybanan, vergräbt. Studien halten das jedoch leider für undurchführbar.
- Tunnelbana. An der Stockholmer U-Bahn und den Pendelzügen wird auch immer gebaut. Neben dem schon erwähnten Citybana-Tunnel, der für letztere relevant ist, soll zum Beispiel die grüne Linie von Odenplan aus einen Abstecher zum Krankenhaus Karolinska bekommen. Eine nördliche Verbindung der grünen und roten Linie ist auch manchmal im Gespräch und würde mir persönlich sehr gefallen. Außerdem soll die “Quer-Bahn” (Tvärbanan) nach Norden verlängert werden und so den Westen der Stadt näher mit dem Süden zusammen bringen.
Bei Großprojekten gehen die Meinungen ja immer auseinander und ich bin beileibe nicht informiert genug, echte Kritik zu üben, sondern finde alles oben genannte irgendwie sinnvoll. Vor allem, weil man die Mehrkosten für lange Tunnel in Kauf nimmt, und so das Stadtbild schont. Natürlich geht es um große Summen, aber die Tunnel muss man nur einmal graben und sie sind damit eine echte Zukunftsinvestition. Der Beginn des Mälaren westlich von Stockholm ist kein Weltkulturerbe, wie es das Elbtal bei Dresden war. Trotzdem tunnelt man hierzulande lieber über richtig lange Strecken die Umgehung, als die Landschaft mit dicken Autobahnen und Brücken zu verschandeln.
Um sich die Kosten in schwedischen Kronen zu veranschaulichen, braucht man übrigens nicht umzurechnen. Deutschland ist etwa zehn Mal so groß wie Schweden was Wirschaftsleistung und Bevölkerung angeht. Der Wechselkurs von Kronen zu Euro ist ungefähr das Gegenteil. Wenn Schweden eine Milliarde Kronen ausgibt, schmerzt das also etwa genauso, wie wenn Deutschland eine Milliarde Euro ausgibt.
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Solche Beschlussfreude würde ich mir auch für Deutschland wünschen. Mag vielleicht auch daran liegen, dass in Schweden weniger Menschen einen Konsens finden müssen und dass diese nicht so aufeinander rumhacken.
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Die Beschluss”freude” ist das Ergebnis quälender und jahrelanger Diskussionen und im wesentlichen auf Stockholm begrenzt. In anderen Regionen kommt es erst gar nicht zu Diskussionen geschweige denn Beschlüssen. Die Verkehrssituation beispielsweise in Östergötland ode rim Raum Örebro ist katastrophal.
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In dem Zusammenhang frage ich mich schon lange, warum die blaue Linie der U-Bahn am Kungsträdgården endet. Für sich macht die Station wenig Sinn, da kann man genausogut Östermalmstorg oder T-Centralen aussteigen. Irgendwie sieht die Streckenplanung aus, als habe man ursprünglich Richtung Djurgården und Nacka weitergeplant und dann nicht zu Ende gebaut. In Anbetracht der vernachlässigten Infrastruktur östlich von Slussen schiene mir eine Verlängerung der blauen Linie genauso diskussionswürdig wie die alte Frage nach dem letzten Viertel des Autobahnrings.
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Oh, der Beitrag ist mir gar nicht aufgefallen
Habe mich auch gerade zum Thema Förbifart geäußert.Beschlussfreude kann man das wirklich nicht nennen. Das sind fast alles Projekte, die aus der puren Not geboren wurden und erst dann angegangen wurden, als die Situation schon unerträglich war.
Der Bau ist ja noch lange nicht fertig – bis sie alle schon begonnenen Projekte in Betrieb nehmen, müssen die Stockholmer noch unter der aktuellen Situation leiden.Ein Wort zum letzten Punkt Tunnelbana: diese Planungen sind alle noch im halbspekulativen Bereich. Wenn man das in diese Aufzählung einfügt, müsste man auch noch den Vorschlag einfügen, eine südliche Querachse durch Kungens Kurva und Huddinge zu bauen. Alle diese Projekte sind noch weit entfernt von einem Beschluss oder gar der Realisierung.
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Ja, stimmt, die Tvärbanan soll bald an den Start.
An der Tunnelbana selbst geht aber nicht viel seit 1994 die letzte Station in Skarpnäck eröffnet wurde. Die Erweiterung der blauen Linie Richtung Nacka wurde ja auch schon vorgeschlagen. Alle Ausbaupläne dürften aber noch gut 2 oder 3 Jahre von der Beschlussreife entfernt sein.
Zwei Projekte fehlen eigentlich noch:
- die Verlegung der Saltsjöbanan in eine neue Tunnel-/Brückenkonstruktion. Die ist nämlich technisch ziemlich veraltet und kann auf der jetzigen Basis kaum weiterentwickelt werden. Das wird aber auch erst in ferner Zukunft passieren.
- Der Ausbau der Djurgården-Straßenbahn Richtung Hafen und Innenstadt. Die soll schon 2011 fertig werden und ist sehr weit gediehen. Man klotzt sogar richtig und will sie weiterführen bis in den Westen von Kungsholmen. Ausnahmsweise also mal richtig weit gedacht, denn dort sollen viele neue Wohnungen entstehen. Es kommt trotzdem spät, denn es musste ja erst soweit kommen, dass die Touristenmassen selbst mit 5-Minuten-Takt und außerfahrplanmäßig eingesetzten Zusatzbussen kaum noch transportiert werden können.
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