Zug(p)reise absurd

Es liegt mir fern, das Preissystem der Deutschen Bahn zu loben. Auch sei gesagt, dass man in der Regel zu vernünftigen Preisen in Schweden Zug fahren kann. Die ehemals staatliche SJ hat sich jedoch ein besonders schlaues System einfallen lassen, die Ticketpreise festzusetzen: Je beliebter ein Zug ist, desto teurer die Fahrkarte. Der Preis steigt also mit der Zeit, je mehr Leute schon den gleichen Zug gebucht haben. Das hat den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass flexible Reisende überlastete Züge automatisch meiden und dass andere besser ausgelastet werden. Neben der offensichtlichen, dass sich früh buchen und Zeiten vergleichen lohnt, ergeben sich noch zwei interessante Folgen:

  • Es kommt vor, dass Tickets für eine längere Strecke billiger sind als für einen Teil derselben. Das ist nicht wenig absurd.
  • Schlaue Menschen kamen auf das Geschäftsmodell, Fahrkarten bei Freigabe (Monate vor Abfahrt) billig aufzukaufen und später, wenn der Preis gestiegen ist, teurer zu verkaufen.

    SJ will auf keinen Fall das dynamische Preismodell aufgeben, aber trotzdem den “Schwarzhandel” unterbinden. Was tut man? Man macht die Tickets persönlich und verlangt einen Ausweis bei der Fahrkartenkontrolle im Zug.

    Das ist nicht sehr populär. Zum einen schreien die Datenschützer auf. Nicht einmal in Diktaturen würde man die Bewegungen von Individuen so genau nachvollziehen können. Das System sei ein weiterer Schritt auf dem Weg in den Überwachungsstaat. SJ erwidert, dass man nur Namen, keine Personnummer verlange und die Daten höchstens einen Monat speichere.

    Außerdem schieße man mit Kanonen auf Spatzen, so Kritiker. Der Schwarzhandel liege im Promillebereich und durch den Namen auf dem Ticket wird es auch für Normalreisende unmöglich, ein gekauftes Ticket, das einem selbst nicht mehr passt, wieder loszuwerden. Und sei es nur die Weitergabe an Bekannte. Man kann deshalb vermuten, dass SJ mehr Leute dazu bewegen will, gegen Aufpreis die umbuchbaren Fahrkarten zu kaufen.

    Ich selbst habe mich neulich schon (zum Verdruss der Mitreisenden) lautstark über die Namenspflicht geärgert und hoffe, dass der Aufschrei nicht so schnell abebbt und zu einer Zurückname der Namensbindung führt.

    Links: 1, 2, 3

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  1. Absurd finde ich auch, dass eine Reise, die lange im Voraus gebucht wird, unglaublich teuer ist. Wer mehr als ca. 3 Monate im voraus bucht, zahlt unverschämt hohe Standardpreise.

    Als Beispiel: an einem Mittwoch im Oktober ist die Fahrt Stockholm-Göteborg im Moment ab 95 kr zu haben. Die gleiche Fahrt kostet an einem Mittwoch Dezember 1200 kr.

    Eigentlich sollten die froh sein, wenn jemand so früh bereit ist, ein Ticket zu buchen.

  2. Ich dachte die Schweden sind nicht so empfindlich was Datenschutz angeht? Alleine gegen das System mit der Personnummer müssten die doch dann aufschreien?

  3. Jonas: Das ist zwiegespalten. Die Personnummer setzt niemand ernsthaft infrage, aber Privatsphäre bzw. Überwachung (man sagt hier meist “persönliche Integrität”) kamen in den letzten beiden Jahren stärker auf die Agenda und zumindest bei neu einzuführenden Datensammeleien hagelt es heutzutage Kritik.

  4. “Die Nachfrage bestimmt den Preis. Je höher die Nachfrage, desto höher der Preis.” – Das ist ein Gesetz der Marktwirtschaft … sowas nennt sich Kapitalismus; das ist doch nichts besonderes.

    Im Grunde ist so etwas sogar zu erwarten gewesen, wenn man privatisiert. Dass ist analog zur Privatisierung des Strommarktes – wo man just vor ein paar Wochen erst von staatlicher Seite her erstaunt feststellt wurde, dass sie nicht zur erhofften Energiepreissenkung für den Endkunden geführt hat.

    Manchmal fragt man sich da glatt, ob politische Entscheidungsträger in der Schule nur geschlafen haben. lacht

    Und was die Überwachung angeht … meine Güte, wenn die Leute wüsten, was man alles über sie weiß und erhebt, dann würden sie darüber auch nicht mehr schimpfen. :D

    Nur so zum Vorkosten …. lest mal das hier: Der Siegeszug der RFID-Chips

    schönes Wochenende ^^

  5. @ Fedelm
    Was ist denn das bitte für eine Seite ? * grusel *
    Irgendwie merke ich an solchen Seiten immer, dass man aus der Geschichte lernt, dass der Mensch nicht draus lernt.
    Meiner Erfahrung nach ist Privatisierung in vielen Fällen für alle Beteiligten keine schlechte Lösung. Es ist nur die Frage, ob ein privates Unternehmen dieselbe Monopolstellung hat wie ein Staat. Solange es Wettbewerb gibt, gehen die Preise meiner Erfahrung nach irgendwann konkurrenzbedingt so weit runter, wie die Wirtschaftlichkeit dies erlaubt, sprich: so, dass die Kosten dafür, etwas anbieten zu können, noch gedeckt sind….

    Ich finde das System im Grunde nicht so verkehrt, um Züge wirklich auszulasten und nicht Menschen auf dem Boden über Stunden im Zug zu wissen. Was ich natürlich auch doof fände, ist die Personenbindung. War denn die Zahl derer, die Tickets später teurer verkaufen, denn so unglaublich hoch ? Naja, verkaufen kann man eh nur dann, wenn sich ein Käufer findet…

  6. Wie Thomas schon sagte, die Zahl derer, die Tickets teuer weiterverkauften, lag im Promillebereich – war also marginal.

    Was dein Argument mit der Konkurrenz, die das Geschäft belebt anbetrifft, so mag das stimmen, wenn die Marktsättigung nicht zu gering ist und sich viele Konkurrenten um ihn bemühen.
    Das ist aber leider gerade in Bereichen wie bsw. Verkehr und Energieversorgung nicht der Fall.
    Diese Bereiche werden gewöhnlich von multinational agierenden Konzernen beherrscht, die sich Europa vertraglich aufgeteilt haben wie eine Sahnetorte und über Absprachen ihre Geschäfte nicht in den Gebieten der anderen ausüben. So hat man es faktisch ausschließlich mit, auf mehr oder weniger große Territorien verteilte Monopolstellungen zu tun.
    Wenn es zwischen diesen Großmonopolen dann noch, wie in der Energiebrange mehr als üblich, langfristige Preisabsprachen gibt, wird dein hochgelobtes Marktgesetz der inneren Konkurrenz schneller ausgehebelt, als Du piep sagen kannst.

    Glücklicher Weise haben das inzwischen zumindest in S wohl auch schon einige politische Würdenträger erkannt und denken inzwischen laut und öffentlich darüber nach, die Privatisierung zumindest auf dem Stromsektor wieder rückgängig zu machen. Vielleicht sollte man da auch bei der Bahn nochmal drüber nachdenken, sonst hat man bald Zustände wie in D, wo der DB Konzern defakto nur noch ein Angebot für Geschäftsleute fährt und ansonsten Kostensenkung betreibt bis unter die Mindestsicherheit hinaus (siehe S-Bahn Berlin Debakel der Gegenwart).

    Was die Seite angeht … ja ich gebe dir Recht, da gruselt es einem, nicht war?! Aber leider ist das alles nicht aus der Luft gegriffen, sondern längst Realität – wenn auch noch nicht Flächendeckend. Kennst du den Satire-Spot: Du bist Terrorist ?
    Es ist zwar satirisch überspitzt, aber die Tendenz ist mehr als erschreckend die er aufzeigt und ich sehe das ganz genauso.

    Darum verstehe ich auch die S Datenschützer und Thomas, wenn sie sich gegen sowas stellen.

    Fakt ist jedenfalls, heute wird in der BRD zumindest schon ein vielfaches mehr die eigene Bevölkerung vom eigenen Staat bespizelt, als im 3. Reich oder der DDR. Und das finde ich, als ehemaliger DDR-Bürger, der sich im Sommer 89 schon der Friedensbewegung anschloss, um dieses System abzuschaffen, mehr als erschütternd. Dafür hab ich und meine Freunde von damals nicht unser Leben riskiert – ganz ehrlich!

    LG Fedelm

  7. In GB gab es seit der Privatisierung der Züge sogar sehr viele Unfälle. Aber man kann nicht sagen, dass die Privatisierung überall dieselben Konsequenzen haben muss.

    Und was die Bespitzelung angeht, so ist es mit der technischen Entwicklung nunmal immer einfacher geworden und wer sammelt als Machthaber schon nicht so viele Daten wie er nur kann – über die eigenen “Untertanen”? Die Kaiser und Könige vergangener Zeiten hätten das sicher auch gerne so einfach gehabt.
    Es ist eben nur die Frage, wie man damit umgeht bzw. wie die Bevölkerung damit umgeht bzw. zulässt.
    Und selbst Machthaber können sich nicht alles erlauben. Es weht halt immer wieder mal ein frisches, anderes Lüftchen durchs Land, das Änderungen mit sich bringt.

  8. Fedelm

    In der DDR arbeiteten bei 16kommairgendwas Millionen Menschen ca. 30 000 als IMs neben den ganzen Hauptamtlichen, die teilweise bis heute das Wort Privatsphäre nicht kennen; im 3. Reich waren bei 79 Mio ca. 31 000 bei der Gestapo. Wenn man das ins Verhältnis setzt, wird ziemlich deutlich, dass man die DDR nicht in Schutz nehmen muss und darf und dass heute in Deutschland nicht in dem Masse überwacht wird. Alles andere ist in meinen Augen Verfolgungswahn. Die gesetzlichen und ideologischen Grenzen sind andere als noch vor 20 Jahren.
    Was ich an der Website gruselig finde, ist der Inhalt und besonders, dass es offensichtlich Menschen gibt, die das glauben. Es werden überall Daten gesammelt, um Produkte zu verbessern, um in Läden etwas neu anzuordnen etc. Jede Supermarktkasse sammelt Daten. Die Frage ist einfach, wie man damit umgeht. Drum herum kommt man kaum.
    Jedenfalls ist nicht nur diese Website gruselig – wieso kommt man eigentlich auf so eine Seite ? – Aber auch der Aufstieg der Linken auf Bundesebene ist gruselig. Wenn die Linken irgendwann mal den Kanzler stellen, wander ich aus.

  9. :D Na dann geh mal schon Koffer packen, in drei Wochen ist Wahl und daaaannnn kicher sind wir wieder an der Macht.

    In Wahrheit war die Wende nämlich nur ein ausgefuchstes Manöver zur schleichenden Unterwanderung des Westens aber … psssst nicht verraten. ;-)

    Du, diese Statistik war nicht von mir, sondern von Leuten, die sich damit etwas eingehender beschäftigt haben … ich empfehle das gerade erschienene Buch “Angriff auf die Demokratie”.
    Heute braucht’s nicht mal mehr einen Beamten, um dich und den Rest der Bewohner deiner Stadt rund um die Uhr zu überwachen. Das läuft alles vollautomatisch. Es wird zwar nicht ständig ausgewertet, aber dank Vorratsdatenspeicherung, hat man ja auch 2 Jahre Zeit sich deine “Machenschaften” anzusehen. ^^

    Wieso man auf so Seiten kommt? Nun, weil ich mich mit dem Thema Überwachung seit meiner Armeezeit bestens auskenne und es so zu sagen ein kleines Hobby von mir geworden ist.
    Aber wenn wir vor 20 Jahren schon die Möglichkeiten von heute gehabt hätten … oh welch ein (Alb)Traum.

  10. Nachtrag: Das Spitzelsystem im 3.Reich basierte vor allem auf Förderung von Denunziation durch Privatpersonen. Es auf 31.000 Beamte der Gestapo zu reduzieren ist fahrlässig.

  11. Die Gefahr von Verfolgungswahn ist durchaus gegeben…und wenn auch noch das Militär ins Spiel kommt…die sehen lieber das Schlechteste als das Reale.

  12. Na dann ist es ja gut, dass ich schon in Frankreich bin. Auch wenn ich den hyperaktiven Gartenzwerg von Präsidenten nicht gewählt hätte.

    Zum Verfolgungswahn kommt aber offensichtlich noch Grössenwahn dazu…

    post scriptum:
    Dieses Buch werde ich schon aus Überzeugung nicht lesen, da habe ich bildenderes im Schrank. Aber gut, dass es Meinungsfreiheit gibt. Ich habe meine und erspare es mir (und Ihnen eventuell), die Ihre weiter zu kommentieren.

  13. @Jonas: Nur weil Du es nicht glaubst, heißt es noch lange nicht, dass SIE nicht hinter dir her sind … XD

    @Eithne: Vielleicht solltest du die Bücher in deinem Schrank dann auch mal lesen fg ... Denn ein Buch so abzutun, ohne es überhaupt in der Hand gehabt zu haben, ist in meinen Augen etwas arm. aber naja ^^

  14. hach Mist ich hab mich im Titel vertippt … “Angriff auf die Freiheit” heißt es im Deutschen, Autor Ilija Trojanow

  15. Don’t feed the troll…

  16. Wer die heutigen deutschen Verhältnisse mit dem Dritten Reich oder der DDR in Verbindung bringt, betreibt Geschichtsklitterung. Den Datensammelhunger verschiedener Firmen mit der totalen Kontrolle des Privatlebens ohne jegliche Kontrollinstanzen gleichzusetzen ist absurd.

    Was die Privatisierungen angeht: die DB ist nicht gerade populär, aber man sollte nicht glauben, dass eine Behörde den Betrieb besser und effizienter organisieren könnte als eine Firma in Staatsbesitz. Bis zur Bahnreform waren Passagiere ein “Beförderungsfall”, und genauso wurden sie auch behandelt.

    Jede Privatisierung hat ihre Vor- und Nachteile, die es natürlich abzuwägen gilt. Dass die Privatisierung in Großbritannien so daneben ging, liegt vor allem daran, dass Schienennetz und Bahnen getrennt voneinander privatisiert wurden, weswegen das Schienennetz schlecht gewartet wird.

    Es gibt aber auch ausgesprochen positive Beispiele. Die Telekommunikation hat einen Quantensprung gemacht, als sie privatisiert wurde. Hätten wir heute noch die Deutsche Bundespost Telekom, dann würde man fürs Internet im Minutentakt (teuer) zahlen und müsste wohl immer noch einen Techniker kommen lassen, um eine Telefondose setzen zu lassen.

  17. Stimmt, bei der Telkommunikationsbrange hat das gut funktioniert, ebenso beim Rundfunk. Stellt sich um so mehr die Frage, warum es beim Strom oder Gas und bei der deutschn Bahn zumindest nicht auch so gut klappt

  18. Der Rundfunk ist gar nicht privatisiert. ARD-Anstalten, ZDF, DLF und DW sind immer noch Anstalten des öffentlichen Rechts. Es wurden lediglich private Anbieter neben den öffentlich-rechtlichen zugelassen.

    Beim Strom hat es nicht gut geklappt, weil man die früheren staatlichen Regionalanbieter nur wenigen Anbietern überantwortet hat, die sich kaum gegenseitig im Revier wildern – man hat also ein Oligopol geschaffen bzw. parallel existierende Monopole. Allerdings gibt es schon lange Alternativanbieter, die aber auf dem Markt kaum Fuß fassen konnten. Das bessert sich jetzt aber, wie mir scheint.

    Beim Gas klappt es bislang nur bedingt, weil der Markt lange Zeit zementiert war und der Gaspreis fest an den Ölpreis gekoppelt ist, wogegen die Anbieter nichts machen können. Aber da ist einiges in Bewegung.

    Bei der DB hat es trotz allen Unkenrufen auch irgendwo geklappt, denn eine geglückte Privatisierung macht sich nicht alleine daran fest, wie beliebt das privatisierte Unternehmen nachher ist. Die DB schreibt schwarze Zahlen, und das ist eine Leistung.

  19. Das mag sein, das die DB jetzt schwarze Zahlen schreibt … nur zu welchem Preis?

    Massenentlassungen beim Personal, immer mehr Automatisierung was nicht immer der Sicherheit zuträglich ist, kein Servicepersonal mehr auf den Bahnhöfen, kaum noch Schalter für Fahrkartenverkauf … Wie soll Oma Irmchen mit diesen Automaten klar kommen, die mich sogar manches mal zur Verzweiflung bringen?

    Die Einsparungen gehen soweit, dass man selbst staatliche Auflagen zur Sicherheit aus Kostengründen ignoriert – jetzt geschehen bei der S-Bahn Berlin – und erst was passieren muß, bis da wer aufräumen kommt (wenigstens haben sie dabei mal die richtigen Leute abgeschossen) ... und zu guter letzt … massenhafte Streckenstillegungen und Streichungen im Nah- und Regionalverkehr, so das ganze Regionen vor allem in den ostdeutschen Flächenländern vom Bahnnetz abgekoppelt wurden. Im Grunde hat die Bahn damit ihren Anspruch von über 100 Jahren aufgegeben, nämlich die flächendeckende Grundversorgung im Personentransport.

    Heute ist es so, dass ich zwar in rund 2,3 h nach Hamburg komme, was die DB als großartige Leistung feierte, obwohl das der “Fliegende Hamburger” schon in den 30-ern schaffte, aber kaum noch die Kleinstädte und Dörfer vor der Tür Berlins mit ihr erreiche. ^^

    Dies allerdings brachte inzwischen erste regionale Anbieter (bsw. die ODEG ) auf den Plan, die der DB zeigten, dass man auf eben jenen Strecken, die sie für total unwirtschaftlich hielt und die eine Hauptursache für die roten Zahlen gewesen sein sollen, sehr wohl gewinnbringend arbeiten kann. Allerdings nur mit dem genauen Gegenteil des Geschäftsmodells der DB – also mit bedarfsorientierten Verbindungen, guter Taktung, kurzer Zugfolge, modernen Nahverkehrstriebwagen und günstigen, kundenorientierten Preismodellen.

    Also, ja schwarze Zahlen hat sie … muß sie ja auch, wegen geplantem Börsengang … aber zu welchem Preis? Ich kann da nicht mitgehen – ein Konzern mit gesellschaftlichem Auftrag, der sie ja nun mal ist/war, kann sich nicht vertragen mit Gewinnoptimierung zwecks Börse. Ich glaube, das ist der Punkt, der der DB so schlecht angerechnet wird und damit haben die Leute wohl recht.

  20. Da stellt sich die Frage, ob man Steuergelder für Bahnstrecken ausgeben soll, die keiner benutzt. Wenn es regionale Anbieter gibt, die trotzdem damit Gewinn machen können, ist das gut, denn das belebt letzten Endes nur den Wettbewerb.

    Dass Personal abgebaut wurde, heißt nicht automatisch, dass es sich um Personal gehandelt hat, das zwingend gebraucht wird. Gerade Behörden haben die Neigung, zuviel Personal anzustellen.

    Die Sicherheitsprobleme auf Automatisierung zu schieben greift mir zu kurz. Es ist keineswegs bewiesen, dass eine Behörde dies besser gemacht hätte. Die Entscheidung für die technisch unzureichenden Radreifen, die das ICE-Unglück von Eschede auslösten, fiel beispielsweise noch deutlich vor der Privatisierung der Bahn.

    Die Deutschen rechnen der Bahn weniger die Einstellung von Strecken an, sondern dass sie es weder schafft, richtig pünktlich zu sein, noch, richtig billig zu sein.
    Gerade die Pünktlichkeitsklage verkennt aber, dass Deutschland eines der wenigen Länder ist, das den Anspruch einer flächendeckenden Versorgung jemals hatte.

    Nehmen wir Schweden – da ist man von einer flächendeckenden Versorgung doch ein gutes Stück entfernt. Auch in anderen großen europäischen Ländern wie Frankreich ist das nicht anders.

  21. Hallöchen Fabian :)

    und da überrollt die Gegenwart unsere Diskussion auf dem Durchgangsgleis … Nach verschlissenen (nicht defekten!) Radreifen im Sommer, die eine Entgleisung wegen Bruch verursachten, nun gleich 4 defekte Bremszylinder an nur einem einzigen S-Bahn-Wagen auf einmal.

    S-Bahn Chaos ohne Ende

    Eschede beruhte auf einem kaputten Radreifen (Materialfehler so weit mir bekannt ist), die Entscheidung für diese Reifenart traf irgendein Mensch, der sich einmal irrte, und schwupps gab es ein paar Duzend Tote, nen haufen Aluminumschrott und ne kaputte Brücke. Sowas ist zwar traurig aber passiert überall, wo Menschen arbeiten, in einer Behörde ebenso wie in einer Firma, weil Menschen eben unbeabsichtlig Fehler machen.
    Damit so etwas nicht passiert, gibt es bei der Bahn Dienstanweisungen en mass.

    Aber, wie uns die S-Bahn gerade in aller Deutlichkeit demonstriert, läßt sich das Unglück von Eschede nicht mit dem vergleichen, was ich meine.

    Nämlich das man aus Kostensenkungsgründen die Sicherheit vernachlässigt und bewußt gegen diese Vorschriften seitens der Geschäftsleitung verstößt. Die Ursachen? Einspaarungen ohne Sinn und Verstand zur Gewinnmaximierung und ein daraus resultierender Betrieb am untersten Limit ohne Reservekapazitäten, die die Auflagen der hinzugekommenen neuen Vorschrift noch hätten erfüllen können, weil sie nicht mal die Bestehenden erfüllen konnten, wie wir jetzt bei der S-Bahn exemplarisch sehen müssen.

    Personalabbau, wo es nicht gebraucht wird? ... Davon redet hier keiner. Natürlich gibt es in Behörden aufgrund der auch dort greifenden Rationalisierungsprozesse der Neuzeit Personalüberhang – meist unkündbaren – weil wir bsw. heute Computer haben.

    Aber davon rede ich nicht, ich rede von Wartungspersonal, Reinigungspersonal, Aufsichtspersonal – von Menschen also, die einen sicheren und ordnungsgemäßen Betrieb der Bahn über Jahrzehnte auf jedem Hinterwaldbahnhof und Stellwerk sicherstellten.

    Bis vor ein paar Jahren hatte zumindest auf dem Gebiet der DR noch jede hinterletzte Schranke einen Schrankenwärter, der auch wirklich kontrollierte, ob sie zu war und das notfalls mit der Hand erledigte, wenn dem nicht so war.

    Bis vor einigen Jahren gab es auf jedem Bahnhof eine Aufsicht, die die Sichere Ein- und Ausfahrt der Züge überwachte und für die Ordnung und Sicherheit auf den Bahnsteigen verantwortlich war – die technische, wie auch die nichttechnische Sicherheit zum Schutz der Fahrgäste.

    Bis vor ein paar Jahren gab es überall noch Streckenläufer, die das Gleisnetz in regelmäßigen Abstanden abliefen und so mit geschultem Auge und Gehör kontrollierten.

    Bis vor ein paar Jahren wurde noch vor der ersten Abfahrt eines jeden Zuges die komplette Bremsanlage jedes Waggons/Wagen von Hand überprüft, ob sie auch wirklich bremsen und sich wieder lösen – bei den heute üblichen Bremssystemen zugegebener Weise nicht mehr ganz so einfach, aber auch nicht unmöglich.

    Bis vor ein paar Jahren noch gab es absolut verbindliche Wartungsturni für jede gottverdammten Draisine und entsprechend viele RAW’s (Reichsbahn Ausbesserungswerke). heutzutage müssen wir schon Lokomotiven ins Ausland zur Wartung schicken und in den verbliebenen RAW’s arbeitet man nach Stoppuhr. Aus Zeit und Kostengründen werden Anweisungen gegeben, die eigentlich immer noch verbindlichen Turni zu überschreiten und am Ende brechen Radreifen; nicht, weil einer einmal einen Fehler machte, sondern weil hunderte auf Anweisung von Oben ihren Job nicht so machen durften, wie es notwendig und vorgeschrieben war, obwohl sie es so hätten müssen und wollen. Und alles nur, weil ihre Arbeit für die Sicherheit der Fahrgäste zu teuer war und auf einmal arbeiten Bremsen nicht mehr, weil man kaum noch die Zeit hatte, sie ordentlich zu kontrollieren und zu warten.

    Sorry, Fabian, ich komme aus einer sehr alten Reichsbahner Familie, deren Männer seit über drei Generationen bei der Bahn und S-Bahn Berlin und bis heute arbeiten. Ich wohne selbst heute noch in einer Eisenbahner Wohnung und habe S-Bahnkutscher und ehemalige RAW-Mitarbeiter als Nachbarn … Die Zustände von heute wären in der guten alten alten immer unpünktlichen RB obwohl, nein gerade WEIL sie eine Behörde war, nicht denkbar gewesen.

    Und als mein Großvater noch im RAW Schöneweide für die Wartung der S-Bahnzüge verantwortlich zeichnete, hätte es eine Anweisung der Direktion, die eine Überschreitung der Wartungsturni bei den RADREIFEN beinhaltet, von denen man bereits wußte, dass sie zu schnell verschlissen, definitiv nicht gegeben bzw. wäre eine solche auf seinem Schreibtisch verreckt. – Und das gerade WEIL er in einer Behörde gearbeitet hatte und gerade WEIL er verbeamtet war und somit nicht mit Entlassung oder ähnlichem Druck von oben erpressbar gewesen wäre.

    Ich finde es richtig, dass man vor diesen Hintergründen die Privatisierung bzw. den Börsengang der Bahn gerade politisch sehr deutlich Hinterfragt. Denn wenn bei der Bahn die Sicherheit nicht mehr oberstes Gebot ist …

  22. “die Entscheidung für diese Reifenart traf irgendein Mensch, der sich einmal irrte”

    Dies scheint mir eine gefährliche Vereinfachung zu sein. Der Prozess gegen die Verantwortlichen wurde schließlich eingestellt, weil die Richter nicht mehr durchblickten vor lauter Gutachten.

    Festzuhalten bleibt: die damals noch staatliche Bahn hat nach unzureichenden Tests einen Radreifen genehmigt, der nicht sicher war. Das war mindestens eine schwerwiegende Schlamperei, aber man kann auch mutmaßen, dass die Bahnverantwortlichen eine schnelle Lösung für ein lästiges und potenziell prestigeschädigendes Problem haben wollten. Dies gehört nämlich auch zur Dynamik einer Behörde: Beamten sind weisungsgebunden, und wenn in der Chefetage aus politischen Gründen eine Sache schnell durchgezogen werden soll, dann wird das so gemacht.

    Die Behauptung, Druck von oben würde einen Beamten kalt lassen, ist absurd. Die Flowtex-Affäre beispielsweise wurde erst zu einer Sache von Milliardenausmaßen, weil der Chef per du mit den oberen der Politik war und dann Finanzbeamte in Mannheim erstaunlich nachlässig die Bücher kontrollierten.

    Die Unterstellung, ein gewinnorientiertes Unternehmen könne gar nicht an der Sicherheit interessiert sein und folglich auch keine entsprechenden Standards einhalten, ist irreführend, da sie voraussetzt, ein staatlicher Betrieb würde hier per se besser handeln.

    Aus meiner Sicht sind weder die umfangreicheren Routinen damals noch die heutigen vermeintlichen Sicherheitsmängel systemimmanent.

  23. hm … naja, ich weiß ehrlich nicht, ob sie systemimmanent sind bezüglich der Verwaltungsart oder ob es einfach nur am generellen mangelnden Verantwortungsbewußtsein Einzelner liegt – fürchte es zwar, dass es am derzeitigen allgemeinen kapitalistischen Wirtschaftssystem mit seinem unbedingten Gewinnoptimierungszwang liegt, aber beweisen kann ich das auch nicht wirklich.

    Fakt ist jedenfalls, dass es so nicht weitergehen kann, weder mit der Bahn, noch mit anderen Institutionen, die da immer wieder in die Schlagzeilen geraten (bsw. Vattenfall und seine Reaktoren). Und von daher hoffe ich, dass bei der kommenden Wahl ein paar Karten neu verteilt werden, die solche unguten Verquickungen zw. Politik wirtschaft und Behörden ein wenig zurückdrängen.

    Frage: Was zum Kuckuck ist die Flowtex-Affäre???

  24. “Frage: Was zum Kuckuck ist die Flowtex-Affäre???”

    Der schwerste Fall von Wirtschaftskriminalität in der deutschen Nachkriegsgeschichte:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Flowtex

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