Gegenseitiges Vertrauen im Norden

Leider ohne Quellenangabe las ich heute Morgen eine kurze Notiz in der Zeitung, die das allgemeine Bild von Skandinavien zu bestätigen scheint: Norwegen, Dänen, Finnen und Schweden führen (in dieser Reihenfolge) die Liste an, wenn es um die Frage geht, ob man andere Menschen generell für vertrauenswürdig hält. Über zwei Drittel (in Norwegen fast vier Fünftel) denken so und unter einem Sechstel der Bevölkerung haben eine skeptische Grundhaltung gegenüber Mitmenschen. In Westeuropa sind Portugiesen die skeptischsten (57%), jedoch weit geschlagen vom ehemaligen Ostblock. Aus Bulgarien werden zum Beispiel genau umgekehrte Zahlen zu Schweden berichtet, also zwei Drittel skeptisch und nur ein Sechstel vertrauensvoll.

Die Schlussfolgerung der Zeitungsnotiz, dass Vertrauen Erfolg mit sich zieht (die anderen nordischen Länder sind reicher und vertrauensvoller als Schweden) würde ich mit Blick aufs restliche Europa jedoch eher umkehren: Wohlstand aller als Voraussetzung für einen entspannten und vertrauensvollen Umgang miteinander.

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  1. Woran mag diese Vertrauen wohl liegen? Andere Länder haben auch eine kleine Bevölkerung, sind aber dichter zusammengepackt. Im Norden gibt´s aber noch ein Phänomen, das bisher galt: eine recht homogene Menschenmenge. Homogen bezogen auf Religion, Aussehen und Herkunft. Gleich und gleich gesellt sich halt gerne – und vertraut sich auch eher. Man geht einfach nicht davon aus, dass der andere etwas böses will, weil man es umgekehrt auch nicht vorhat -> Homogenität -> Vertrauen. Gegenargumente?

  2. Das Gegenargument ist offensichtlich: Schweden ist heute genauso wenig homogen wie andere europäische Staaten – wahrscheinlich sogar weniger, weil Schweden immer noch offen für Einwanderer ist und es ihnen vergleichsweise einfach macht. Das unterscheidet Schweden von den anderen skandinavischen Ländern, trotzdem ist Schweden mit ihnen oben auf der “Vertrauensskala”. Mit “Homogenität” kann es also nichts zu tun haben, außerdem wird eine abgeschlossene Gesellschaft eher misstrauisch gegenüber allem anderen als dass sie vertrauensstiftend wirkt.

  3. Diese Erscheinung liegt an dem bäuerlichen Gefüge der schwedischen Gesellschaft. Daß Schweden erst nach dem 2. Weltkrieg ein moderner Industriestaat geworden ist, zeigt sich auch hierin. So kommt es stets überraschend, wenn man Betrügern aufsitzt. Der schwedische Staat – so zeigt es sich – tut sich schwer, seine Gesellschaft durch Anpassung von Recht und Gesetz angemessen zu schützen.

  4. @Thomas: Ich schrieb ja auch “das bisher galt”. Dass Schweden trotzdem oben auf der Skala ist, ist verwunderlich. Welche Länder stehen noch drauf, also unterhalb von Schweden? Misstrauisch sind die Schweden ja auch, vor allem was den Islam angeht – zumindest insgeheim.

    @Northlander: Das sind dann die Nachwirkungen des Sozialstaates. Der Staat sorgt für dich und du musst im Prinzip nichts anderes tun als leben und deinen eigenen Sachen nachgehen. Brauchst dich kaum um andere kümmern oder was sie tun. Wir machen das schon. Diese Zeiten sind vorbei. An Luxus kann man sich sehr leicht gewöhnen, abgewöhnen, dafür braucht es viel mehr Zeit und Kraft.

  5. Jonas: Da war leider nicht mehr Information als ich oben wiedergegeben habe – und wie gesagt keine Quellenangabe. Viellicht kann man die Studie ja ergoogeln.

    Beim Verhältnis zu Muslimen weiß ich nicht, ob ich zustimmen kann. Es ist auf schwer in Worte zu fassende Art ein etwas anderes Verhältnis als in Deutschland, aber das kann vielleicht einfach daran liegen, dass Muslime in D vor allem Türken sind, also Europäer, während hierzulande mehr Iraner und Iraker leben. Und die kommen Westeuropäern noch einmal ein wenig fremder vor. Trotzdem bin ich öfter Zeuge von gutem Miteinander, auch mit Vertrauensvorschuss, geworden als von generellem Misstrauen.

    Vor allem sollte man hier sehr vorsichtig mit Verallgemeinerungen sein. Wie so oft sind die Unterschiede zwischen Stadt und Land innerhalb des jeweiligen Landes größer als die zwischen Schweden und Deutschland. Welchen Eindruck man bekommt hängt sehr stark davon ab, zu welchen Leuten man Kontakt hat.

    Northlander: Du findest ernsthaft, dass Schweden seine Bürger nicht genug beschützt? Was soll man dann vom Rest der Welt sagen? Wie weit will man (nie wirklich zu erreichende) “Sicherheit” anstreben und dafür Freiheiten aufgeben? Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem keine Verbrechen mehr begangen werden können. :)

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