Finanzblog

Dass der schwedische Außenminister Carl Bildt ein Blog schreibt, fand an dieser Stelle schon mehrmals Erwähnung. Oft mehrmals täglich gibt er dort seinen Senf zu den Dingen ab, die er gerade tut.

Weniger bekannt ist das Blog des Finanzministers Anders Borg, der – seinem Arbeitsfeld zum Trotz – zu den beliebtesten Politikern des Landes gehört. Zu finden sind die (im Vergleich zu Bildt zwar weit selteneren, dafür ausführlicheren) Beiträge auf andersborg.net. So mutig wie Bildt, auch Kommentare von Lesern zuzulassen, ist er jedoch leider nicht. Letzte Woche fasste Borg im Blog die Lage der öffentlichen Finanzen aus seiner Sicht zusammen und schrieb dabei einiges Kluges.

Zum Beispiel, dass sich Schweden in den “guten Zeiten” vor der Finanz- und Wirtschaftskrise nicht zu übermäßigen Steuersenkungen und Ausgaben hat verleiten lassen, so dass man jetzt im Vergleich zu anderen Ländern größeren Spielraum hat, expansive Wirtschaftspolitik zu betreiben. Man hatte die Lage Anfang des Jahres sogar zu negativ eingeschätzt und Borg erwartet, dass Schweden schon in drei Jahren wieder einen ausgeglichenen Haushalt haben wird und dass die Staatsverschuldung dann immer noch geringer sein wird als 2006. Mit gut 40% des Bruttonationalprodukts liegt sie bei der Hälfte (!) des EU-Durchschnitts.

Ungeachtet dessen, ob Borg mit seiner Einschätzung richtig liegt, ist ein solcher Blogbeitrag eine sehr gute Art, seine Politik zu vermitteln. Das Niveau ist geschickt gewählt, nicht schwer verständlich aber doch mehr Details als man üblicherweise in der Zeitung liest. Dass so ein Text ungefiltert durch Medien beim Bürger ankommt, ist zwar ein zweischneidiges Schwert (Propaganda), doch man bekommt einen Einblick in die Beweggründe des jeweiligen Politikers. Dann kann man zustimmen, oder eben nicht. Darüber hinaus sind solche “schwarz auf weiß”-Aussagen eine willkommene Messlatte für die Zukunft.

Aus der neuen deutschen Regierung bloggt immer noch kein Minister, oder?

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  1. Nein, natürlich nicht. Wahrscheinlich gibt es noch ein paar mitarbeitergeführte Twitter-Accounts aus dem Wahlkampf, die jetzt vor sich hinschlummern.

  2. also “unsere” jetztige familienministerin hatte sich einst bei den wahlen zum bundespräsidenten als etwas vorschnelle twitter-nutzerin geoutet…
    fairerweise muss ich aber zugeben, dass ich die deutsche politiker-bloglandschaft aus den augen verloren habe. das beruht aber wohl auf gegenseitigkeit. die wahlen sind rum, wozu dann blogs?! traurig aber wohl leider wahr

  3. In Deutschland hast sich meiner Ansicht nach die Medienschicht so sehr etabliert, dass es vielleicht sogar gegen Kodi verstößt, wenn man sich so direkt zu Wort meldet. Man könnte ja etwas “falsch” von sich geben. Ich denke auch, dass die Meinungsfreiheit in Schweden nicht nur noch angesagter ist, sondern man traut sich auch dazu und nicht nur “die oberen”.

  4. Ja, da bist du glaub’ ich auf der Richtigen Spur, Jonas. Sowas “gehörte sich ja nicht”, wenn plötzlich Politiker anfingen, selbst zum Volk in mehr als Kindergarten-Wahlkampf-Sprache zu reden. Die schwedischen Medien haben das auch als kleinen Machtverlust erlebt und thematisiert, sich dann aber doch recht schnell damit abgefunden, denn zu Journalistik schafft ja den Mehrwert, die “Propaganda” auch zu hinterfragen.

    Ich kann mir gut vorstellen, dass die deutschen Medien, nicht zuletzt die BILD, denjenigen zerfleischen, der sowas probiert.

  5. In der Regel geben die Spitzenpolitiker hier ja auch nur noch dieses Politiker-Sprech von sich, welches fernsehkompatibel designt und weitgehend inhaltsleer ist. Im Moment macht es gerade der Verteidigungsminister vor, der durch die Talkshows gereicht wird.

    Ich weiß aber nicht, ob es in Schweden anders ist.

    Angela Merkel hat einen Video-Podcast, so eine Art wöchentliche Neujahrsansprache.

    Unterhalb dieser Ebene gibt es aber durchaus ein paar authentische Bewegungen von Politikern im Netz.

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