Schweden drittbestes Land

Es gibt wieder einmal eine Statistik, die belegt, was viele Schweden insgeheim denken. Denn obwohl man oft eher bescheiden und mit wenig Aufhebens daherkommt, ist es eine weit verbreitete Attitüde unter Schweden, dass sich der Rest der Welt doch bitte hierzulande abschauen möge, wie man es richtig macht. Wobei “es” sich auf alles mögliche beziehen kann, das zu funktionierenden Staat und Gesellschaft alles dazugehört. Einigen geht dieses Selbstverständnis vom Vorbild für weniger entwickelte, weniger tolerante, weniger gleichberechtigte, weniger stabile Länder jedoch zu weit und ich habe schon einige Male Einspruch dagegen gehört.

Doch wenn man auf die nackten Zahlen schaut, ist es nicht selten Schweden, das – zusammen mit den anderen nordischen Ländern – die vorderen Plätze in allerlei Bereichen einnimmt und sich deshalb durchaus als Vorbild eignet. So auch in der letzten Rangliste von Newsweek (nett gemachte interaktive Grafik), die Noten für Gesundheit, Lebensqualität, politisches Klima, Ausbildung und die Wirtschaft vergeben hat und Schweden auf den dritten Platz von hundert Ländern stellt. Nur Finnland und die Schweiz sind nach diesen Kritieren besser. Als Ausreißer ist es das schwedische Schulsystem, das nicht besonders viel Lob erhält.

Deutschland landet übriges auf Rang 12, Österreich auf 18.

Nachtrag 100819: Neulich gab es schon einmal eine Studie, die “beweist”, dass Schweden am besten ist. Außerdem weißt Außenminister Bildt darauf hin, dass Schweden Exportweltmeister für Musik ist – zwar nicht in absoluten Zahlen, aber als Anteil an der Wirtschaftsleistung.

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  1. Aber irgendwie doch der verzweifelte Versuch, etwas total Subjektives zu verobjektivieren, oder?

    Die Qualität des Gesundheitssystems kann man ja meinetwegen messen, die Effizienz der Verwaltung vielleicht auch. Aber Lebensqualität?

  2. Selbst bei der Lebensqualität gibts innerhalb von Schweden Unterschiede wie zwischen Himmel und Hölle. Von daher teile ich auch die Meinung, dass das nur Subjektiv sein kann. Wer steckt denn hinter dieser Erhebung in der Newsweek?

  3. Auha. Die Herrschaften von Newsweek sollen mal in Schweden krank werden, dann wuerde ihre Einschätzung schnell einem realistischeren Bild Platz machen. Klar kann man viele Qualitätsaspekte des Gesundheitswesens messen. Wie man Schweden dabei einen vorderen Platz erteilen kann, bleibt allerdings rätselhaft. Zu einem hochqualitativen Gesundheitswesen gehört nicht nur gute Medizin, sondern auch deren Verfuegbarkeit, und dass es da massive Defizite gibt, bestreitet m.W. nicht mal die Regierung. Theoretisch gibt es da “vårdgaranti” und irgendeine klug ausgerechnete Verteilungsgerechtigkeit, wenn auch auf niedrigem Niveau. Praktisch ist das Verteilungsgefälle extrem steil. Wer Krebs hat oder akut und lebensgefährlich krank ist, kann gewöhnlich auf schnelle und professionelle Hilfe rechnen; alle anderen duerfen auf Wartelisten vor sich hinleiden. Ich hatte hier eigentlich eine Liste von selbst erlebten bzw miterlebten Szenen notieren wollen, aber, das spare ich mir jetzt doch – die Schwedenbewohner kennen es selbst, und im Ausland glaubt man es ja doch nicht. Immerhin kriegt auch im Krankenhaus jeder seine Fika. Was will man mehr?

  4. Statistiken sind immer so eine Sache. Ich kann zwar aus eigener Erfahrung sagen, dass das Leben in Schweden ein gutes ist, doch gibt es – wie auch bereits angesprochen – Bereiche, wo ein wenig Aufholbedarf besteht (wie in anderen Ländern auch). Und ja, die Wohnsituation ist auch nicht überall die einfachste. Das Gesundheitssystem wurde ja bereits angesprochen. Als Frau bleibt mir noch zu sagen, dass man bei Frauenangelegenheiten wie etwa dem Verschreiben der Pille sehr schnell einen Termin bekommt – das ist mir damals positiv aufgefallen.

    Doch das Deutschland und Österreich so weit hinter Schweden landen, erscheint mir ein wenig eigenartig, denn ich finde nicht, dass es sich in diesen beiden Ländern so schlecht lebt ;-)

  5. Ich weiß nicht, ob das so subjektiv ist. Es gibt einige seriöse Forschung dazu, was Menschen glücklich und zufrieden macht, die auch objektiv messbare Größen herausgearbeitet haben. Bei TED gibt es ein paar Vorträge dazu. Da wird sogar argumentiert, dass sich Politik weniger auf die Maximierung des (materiellen) Wohlstandes konzentrieren solle, sondern auf die des allgemeinen Wohlbefindens.

    Ob obige Studie diesem Anspruch genügt, habe ich jetzt aber nicht die Zeit, herauszufinden. :)

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