Medien

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Die Julkalender, also die Weihnachtskalender des schwedischen Fernsehens und Radios, sind nach wie vor eine Institution. Heuer gibt es zusätzlich einen Mini-Kalender für all jene, die mit der überzuckerten Weihnachtsgemütlichkeit nicht so viel anfangen können: Rim & Reson, was sich naheliegend mit Reim & Räson übersetzen lässt, animiert einzelne Comics von bekannten schwedischen Zeichnern zu sehr kurzen Sequenzen. Assar, Rocky, die bitteren Figuren von Nina Hemmingsson und die Collagen von Jan Stenmark sind mit dabei. Sehr schön gelöst finde ich, dass die Figuren auch im neuen Format nicht reden, sondern weiterhin Sprechblasen zu unverständlichem Gemurmel von sich geben. Siehe auch DNs Rezension.

Ich weiss, dass man Videos auf SVTPlay nicht immer aus dem Ausland ansehen kann. Da Rim & Reson eine Eigenproduktion ist, sollte es jedoch funktionieren. Bei der Gelegenheit sei auch auf das Progrämmchen svtget hingewiesen, das es einfacher macht, Videos von SVTPlay herunterzuladen.

Frohe Feiertage allerseits!

Heute sind es auf den Tag zehn Jahre, die der schwedische Journalist David Isaak in Eritrea im Gefängnis sitzt. Ohne Anklage oder Verfahren.

Vor knapp zwei Wochen schrieb Gunnar Glöersen einen Blogeintrag beim Jägerverband, in dem er die Echtheit einiger Naturbilder von Terje Hellesø anzweifelte, die Luchse und andere Raubtiere zeigten. Sein Argument basierte nicht auf technischen Details in den Bildern, sondern auf seiner eigenen Erfahrung aus jahrelanger Arbeit mit Raubtieren, aufgrund derer er es für so gut wie unmöglich erachtete, dass der Fotograf an den angegebenen Orten so viel Glück hatte, die Tiere so oft vor die Linse zu bekommen.

Der Beitrag entpuppte sich als Stich ins Wespennest, denn Terje Hellesø ist einer der bekannteren Naturfotografen im Land, hat lange in dem Metier gearbeitet, wurde 2010 zum Naturfotograf des Jahres ernannt und ist einer der wenigen, die davon leben können. So kam es zu heftigen Reaktionen von anderen Fotografen, die Terje Hellesø zur Seite sprangen. Schließlich gehört Bildmanipulation ohne darauf hinzuweisen zu den schlimmsten Vergehen in diesen Kreisen und dass eine der Frontfiguren bewusst und systematisch täuschen würde, konnte sich keiner vorstellen.

Eine Rolle in der Debatte mit hunderten Kommentaren spielte auch, dass die Fälschungsvorwürfe von Jägern kamen und es wurden dabei allerlei Vorurteile zwischen vermeintlich naturliebenden Fotografen und schießwütigen Jägern sichtbar. Doch handfeste Beweise gab es zunächst keine und mit den Aussagen von Frau Hellesø und anderen, die bezeugten, die rohen Bilder in der Kamera gesehen zu haben, war die Naturfotogemeinschat kurz davor, die Sache beiseite zu legen, als Leute aus dem Internetforum Flashback sich detektivisch auf die Suche machten und in den Weiten des Netzes die Originale der Tierfotos fanden, die Hellesø in seinen Montagen verwendet hatte – Beispiel hier, mehr Links in der Zusammenfassung auf Flashback.

Damit war plötzlich glaubhaft bewiesen, dass Terje Hellesø nicht nur seine Fotos manipuliert hatte, inklusive eines der Gewinnerbilder des Naturfotograf 2010, sondern dazu recht plump die Bilder von anderen verwendet hatte. Es folgten Geständnis, tragische Radiointerviews und Schock unter Freunden und Fotografen. Schadenfreude und Parodien, die Luchse in allerei Bilder hineinmontierten, ließen auch nicht auf sich warten. Zusätzlich wurde die Geschichte von den Medien aufgegriffen und war eine Schlagzeile wert.

Mittlerweile erwägen diverse Naturfotovereine, Hellesø auszuschließen, und er ist wegen Betrugs angezeigt, denn seine behaupteten Sichtungen, nicht zuletzt des als Schadtier geltenden Marderhunds, führten zu unnötigen Maßnahmen der Regionalverwaltungen, die Bestände neu zu vermessen.

Über Hellesøs Motive kann man nur mutmaßen. Dass der Druck auf einem erfolgreichen Fotografen, sich selbst immer wieder zu übertreffen, hoch ist, kann ich mir jedoch schon vorstellen und sehe ihn eher als tragische denn verachtenswerte Figur in diesem Drama. Was mir dagen nicht ganz einleuchtet ist die Leichtgläubigkeit mit der die Naturfotogemeinschaft die Fälschungen jahrelang akzeptiert hat, denn im Nachhinein erscheinen sie ziemlich amateurhaft ausgeführt. Reputation schützt scheinbar vor Kritik – bis jemand von außerhalb des gewohnten Kreises daherkommt und nachfragt.

Ich verbringe zur Zeit meine diversen Laufrunden und Rad- und Zugfahrten mit den diesjährigen Sommarpratare in den Ohren. Wie üblich kann man sich die Sendungen als MP3 herunterladen und ich kann allen, die Schwedisch verstehen, bisher folgende besonders ans Herz legen:

  • Mark Levengood ist mit seiner milden Art und Humor immer hörenswert. Er erzählt wie es dazu kam, dass er ein stattliches Ansehen im Stockholmer Schärengarten von einem ihm zunächst fremden Esoteriker geschenkt bekam.
  • Jason Diakité, besser bekannt als Rapper Timbuktu erzählt seinen Werdegang, ganz ohne Selbstverherrlichung.
  • Maria Wetterstrand war bis vor kurzem Parteichefin der schwedischen Grünen und hat sich gerade trotz ihrer jungen Jahre ganz aus der Politik zurückgezogen. Ihr Programm fand ich sehr hörenswert, nicht nur wegen des interessanten Musikgeschmacks – ihr erstes Lied war “Hier kommt Alex” von den Toten Hosen.
  • Ville Virtanen ist Finne mit schwedischen Wurzeln und gibt einen Einblick in die teilweise dunkle finnische Mentalität, gegenüber der Schweden geradezu als überschwänglich herüberkommen.
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Die Überschriften der Internetseite von Dagens Nyheter, Schwedens größter Tageszeitung, von gerade jetzt, halb zehn morgens. Manche mit kurzer Erklärung oder Kommentar.

Berlins Flughäfen heute gesperrt

Kritisierte Türme werden vielleicht weniger hoch als geplant
Da geht es um die geplanten “Türme Thors” am nördlichen Ende der Vasastan Stockholms, an der Grenze zu Solna.

Camorra-Anführer in Italien festgenommen

Malmö-FF-Fans vor die Tür gesetzt

Zahl der Ambulanzeinsätze steigt
Das war ein heißes Thema in den letzten Wochen, nachdem ein junger Mann starb, weil sein Notruf abgewiegelt wurde und kein Krankenwagen kam.

500.000 erkaufen sich Schnellspur zur Gesundheitsversorgung
In Schweden ist die Krankenversicherung ansonsten ja steuerfinanziert.

“Über 1.000 Menschen in Syrien getötet”

Wachmänner boten hinausgeworfenem 20-jährigen Prügelei an

Mehr Zwangsausweisungen aus Schweden

Er darf nicht mehr Ehrenbürger sein
Dazu Bild von Hitler. Es geht um Amstetten in Österreich.

Es ist Zeit, die schändliche schwedische Anzeigenzensur loszuwerden
Ein Utspel der beiden großen Boulevardblätter, die ganz gerne mehr Glücksspielwerbung machen wollen. Schweden hat ein Monopol in diesem Bereich, ähnlich Deutschland.

Er versuchte, Polizisten zu überfahren

Breite Unterstützung für Christine Lagarde als IMF-Chefin

Scheidung häufig bei Fernpendlern

“Fakten sind bekannt geworden”
Der König und seine Skandale und Verwicklungen mit zwielichtigen Gestalten mal wieder.

Der kleinste Hund belegt Spitzenplatz
Ja, man sieht immer mehr Chihuahuas in der U-Bahn.

Mann wieder freigelassen nach Tod des 23-järhrigen

Keine Stellungnahme von Ministerin
Die USA haben unerlaubt Schweden ausspioniert (ach!) und die Regierung wusste das angeblich.

Junge aus Karussell geflogen

Twitter kauft die App TweetDeck

HQ eröffnet Jagd auf 2,5 Milliarden
HQ ist ein Finanzkonzern, um den es seit längerem Querelen und Skandale gibt.

Wahrscheinlich verlängerter Libyen-Einsatz

Mann “eierte” seine Plagegeister
Lasst eurer Phantasie freien Lauf!

Så besserst du die Urlaubskasse auf

Mehr Ivorianer dürfen bleiben

Verunreinigtes Hundefutter wurde in Schweden verkauft

Rotgrüne Minderheitsregierung im Westen

Baumfäller muss 45.000 an Strafe zahlen

Für sexuelle Übergriffe an Kindern verurteilt

Er übernimmt die schweren Aufträge
Über Sean Penn.

Wegen Machtmissbrauchs angeklagt
Über Julia Tymosjenko.

Ein Weg, Pädophilen zu helfen

So wirkt sich das Wetter auf die Verkäufe von Geschäften aus

Mann wegen Menschenraub festgenommen

Viele haben es schwerer, sich ihr Haus zu leisten

Oprahs Abschiedsshow

Der Einkommensunterschied zwischen den Geschlechtern nimmt ab

Djokovic glaubt an Söderling
Tennis.

Blitze töten 40 in Bangladesh

“Er verbreitet Gerüchte”
Der Ex-Minister und ehemals hochrangige Sozialdemokrat Bodström hat ein “Enthüllungsbuch” über die innerparteilichen Machtspiele geschrieben.

Das heißeste Land für Fond-Experten
Angeblich die USA.

“Spermaprobe passt zu IMF-Chef”

Kannst du deinen Dylan?

Trauerstimmung in Gubbängen
Ein Speedway-Fahrer ist gestorben.

Kernschmelze in drei japanischen Reaktoren
Das kommt jetzt erst! Ziemlich weit unten.

Toter Elch vor Tierarztklinik

Forschung an Patienten muss zunehmen, der Gesundheit zuliebe

Kein deutsches Flugzeug im See
1943 sahen Zeugen einen Absturz, der nie belegt wurde.

Abhängige bekommen Spritzen gratis

Moestafa El Kabir versenkte den Tiergarten
Mehr Sport. Wahrscheinlich Fußball.

Serbische Entschuldigung für Kriegsfernsehen

Arabischer Frühling war Publikumsmagnet

Regierung will erweitertes Rauchverbot

“Die ganze Mannschaft war gedopt”

Ich finde diese Liste recht aufschlussreich. Zum einen ist da trotz des seriösen Anscheins von DN viel Boulevard dabei. Persönliche Schicksale, Verbrechen, Prominenz. Aber eben auch die wichtigeren Themen und das alles in einer undurchschaubaren Reihenfolge, die sich im Laufe der Stunden ziemlich schnell ändert.

Ein kurzer Nachtrag zu schwedischem TV-Humor: Ingen bor i skogen ist einfach großartig. Es gibt nur fünf halbstündige Episoden bisher, aber ich hoffe sehr, dass da noch mehr kommt.

Das gesamte Geschehen spielt in drei mal drei Räumen, deren jeweilige Bewohner man durch Monologe über ihre Lebensphilosophie und ihre Interaktionen miteinander kennenlernt. Nur unten rechts, im Wald, da wohnt keiner.

Keiner wohnt im Wald

Anschauen geht via SVT Play oder Piratenbucht.

Konflikt ist ein Radioprogram (auch als Podcast) des Schwedischen Rundfunks, das sich wöchentlich mit einem Brennpunkt der Welt beschäftigt. Und war ausführlicher und besser recherchiert als man es sonstwo geboten bekommt. Die heutige Ausgabe mit dem Titel Die Welt in Deutschland und Deutschland in der Welt habe ich zwar selbst noch nicht gehört, freue mich aber schon darauf und kann sie getrost schon jedem ans Herz legen, der die Sprache versteht.

Wer in den letzten Tagen und Wochen nicht den Kopf im Sand hatte, sollte mitbekommen haben, dass den USA zahlreiche diplomatische Berichte abhanden gekommen sind und via WikiLeaks * unter anderem dem SPIEGEL zugespielt wurden. Was darin alles über die deutsche Politik steht, ist dort ausführlich genug zu lesen; hier soll es um das Bild von Schweden gehen, das die Dokumente aufzeigen.

Zur Zeit sind nur sechs Berichte aus der Stockholmer US-Botschaft * öffentlich. Wenn man diese Zahl mit dem Verhältnis zur Gesamtzahl extrapoliert, wird es am Ende auf über tausend Stück hinauslaufen. Für Aufmerksamkeit haben hierzulande bisher folgende Details gesorgt:


  • Norwegen hat Schweden mit Hilfe der USA hintergangen. Schweden hätte gerne gesehen, dass Norgwegen die hiesigen JAS Gripen Kampfflugzeuge gekauft hätte anstatt der amerikanischen. Aus einem Bericht geht hervor, dass die USA deshalb die Lieferung eines Radars für den Gripen verzögerten und dass die Norweger insgeheim schon deren Modell gewählt hatten, als sie offiziell noch das schwedische Angebot prüften.

  • Schweden als heimliches NATO-Mitglied. Vor dem Besuch von Reinfeldt in Washington warnte der schwedische Botschafter, dass man ihm nicht öffentlich für die gute Zusammenarbeit in Sicherheitsaspekten danken solle, weil ihm dies daheim Schwierigkeiten machen könne. Etwas unwissend wird da berichtet, die schwedische Regierung belüge mit dem Anschein der Neutralitätspolitik und Bündnisfreiheit ihr Volk, denn Schweden ist – vor allem wegen der EU – schön länger ganz offiziell nicht mehr neutral.

  • Die Beschreibung von Außenminister Bildt als “mittelgewichtiger Hund mit der Attitüde eines großen” (medium size dog with big dog attitude) wurde mit Humor genommen. Bildts eigene Reaktion war, er wisse nicht, von welchem Hund die Rede war, er sei schließlich kein Zoologe. Ein Pudel sei er aber sicher nicht. (“Einen Pudel machen” ist ein Ausdruck im Schwedischen der in etwa “sich Asche aufs Haupt streuen” entspricht.) Ansonsten kam Carl Bildt ziemlich gut weg, es wurde explizit gewarnt, dass man sich auf Trefen mit ihm sehr gut vorbereiten müsse, weil er sehr belesen sei, gute Kontakte habe und sein Gegenüber gern teste.

  • Im Zusammenhang mit einem Skandal, der in Norwegen anfing und in dem es um die Überwachung von Bürgern seitens der Botschaften in beiden Ländern geht, kam heraus, dass die schwedische Regierung sehr wohl von diesen Aktivitäten wusste.

  • Ein Bericht handelt davon, wie Schweden genug kritische Fragen stellte und sich nicht einfach abspeisen ließ, als die CIA 2006 ihre geheimen Flüge mit Gefangen via Schweden durchführte. Dies führte zur Einstellung der Flüge.

  • Es wurde vorgeschlagen *, dass Schwedens Kommunikationsinfrastruktur, zum Beispiel das Glasfasernetz von TeliaSonera, auf die Liste mit für die USA kritischer Infrastruktur zu setzen, weil Schweden ein wichtiger Knoten sei und die USA mit dem Baltikum und Russland verbinde. Außerdem auf die Liste solle eine schwedische Pharmafabrik, die ein wichtiges Mittel zur Hilfe bei einem Nuklearunfall herstelle.

  • Zuletzt in der bisherigen Liste gibt es noch den Bericht * über ein Treffen von Oppositionschefin Mona Sahlin mit der amerikanischen Botschaft, in dem sie um Schützenhilfe bei der Meinungsbildung bat und sich als starke Unterstützerin für den Militäreinsatz in Afghanistan gab.

Viel des oben genannten war schon zuvor bekannt, zumindest wurde darüber spekuliert. Wie skandalös die einzelnen Punkte sind hängt jeweils davon ab, wie sehr sich das öffentlich gesagte mit dem deckt, was im Hinterzimmer besprochen wird. Bisher musste sich hierzulande niemand groß verteidigen.

*Die Links gehen zu einem Spiegel von wikileaks.ch. Weitere Spiegel-Seiten hier.

Zwei schwedische Humor-Serien wurden uns zuletzt ans Herz gelegt und nach ein paar gesehenen und für gut befundenen Abschnitten kann ich sie gern weiterempfehlen. Die erste nennt sich Starke man, was keiner Übersetzung bedarf. Darin geht es um die Lokalpolitik in der fiktiven Kommune Svinarp und deren inkompetenten “Bürgermeister”, der sich von einem Fehltritt zum nächsten hangelt. Der Humor basiert auf übertriebener Realsatire und balaciert geschickt zwischen Abscheu, Mitleid, Fremdschämen und Tragik. Zu sehen auf SVTPlay.

Die zweite ist schon wenig älter und heißt Grotesco. Dort spielt das gleichnamige Humor-Ensemble recht absurde Sketche, die einzelnen Abschnitte hängen also nicht zusammen. Die erste Folge von 2007 erzählt beispielsweise die dramatische Entwicklung als man in Stockholm bei Tunnelarbeiten ein Portal ins Göteborg der 70er entdeckt und endet damit, dass der Globen durch die Stadt walzt und auf den Sergels Torg kracht. Die neu begonnene zweite Saison gibt es auch auf SVTPlay, die acht Folgen der ersten unter anderem in der Piratenbucht).

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