Seltsam

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Zwei kurze Updates zum Fall Assange:

  • Gestern wurde bekannt, dass Julian Assange vor gut drei Wochen, also bevor die Vergewaltigungsvorwürfe aufkamen, bei der Einwanderungsbehörde um Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung in Schweden ersucht hat. Er wolle Schweden zu seiner Basis machen und hier offiziell als Herausgeber von Wikileaks registriert werden, damit der Meddelarskydd für die Organisation gilt.

  • Heute teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass jetzt doch noch die Voruntersuchung wegen Vergewaltigung eingeleitet wird, entgegen der Aussagen von letzter Woche. Ob dies etwas mit dem Verhör zu tun hat, das mittlerweile mit Assange durchgeführt wurde, hat man nicht erfahren.

Nach der Hochzeit im schwedischen Königshaus neulich hat das Brautpaar seine Flitterwochen in der Karibik verbracht. Allerdings haben sie dafür nicht selbst bezahlt, sondern sich vom Milliardär Bertil Hult einladen lassen. Dieser hat seinen Privatjet und Anwesen zur Verfügung gestellt – das ganze sollte ein paar Millionen Kronen gekostet haben, wenn man es zu Marktpreisen gebucht hätte.

Ob es verwerflich ist, dass sich die zukünftige Königin von einem Freund der Familie auf diese Weise einladen lässt, sei dahingestellt. Interessant ist jedoch das Ergebnis, zu dem der Oberstaatsanwalt kommt, der die Anzeigen wegen Bestechung bearbeitet hat. Dieser meint nämlich, dass Victoria nicht vom Gesetz, das Bestechung strafbar macht, beinhaltet wird, weil sie ihr Amt im Gegensatz zu Politikern und Beamten geerbt hat. Demnach ist das schwedische Königshaus aus Prinzip unbestechlich.

Gleichzeitig sprach er sich dafür aus, das Gesetzt und damit diesen Zustand zu ändern.

Wie erst dieser Tage hier beschrieben, ist Schweden wichtig für Wikileaks Infrastruktur und juristische Absicherung. Zwischenzeitlich war Julian Assange in Schweden zu Besuch, hat so gut wie allen großen Zeitungen Interviews gegeben, auf deren Webseiten mit Lesern gechattet, seine Kolumne im Aftonbladet angekündigt, die Herausgeber-Bescheinigung beantragt, die man für den Grundgesetzlichen Quellenschutz braucht, und mit der Piratenpartei einen Vertrag geschlossen, dass diese die hiesigen Server von Wikileaks fortan kostenlos betreibt. Kurz gesagt war über Assange und Wikileaks letzte Woche fast täglich etwas zu lesen, wobei auch Kritik aufgegriffen wurde, jedoch meist ein positives Bild von Person und Organisation herüberkam.

Heute kam dann die überraschende Meldung, die wie ein Lauffeuer um die Welt ging, dass Assange hier in Stockholm letzte Woche zwei Frauen vergewaltigt haben soll, und dass deshalb die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben hat und Haftbefehl erlassen wurde. Die Spekulationen, dass das ein abgekartetes Spiel der amerikanischen Geheimdienste sei – schließlich hat Wikileaks selbst einen derer Berichte mit Plänen gegen sie zugespielt bekommen und veröffentlicht und es gab Berichte von US-Druck auf die europäischen Verbündeten, Assange anklagen zu lassen – ließen natürlich nicht auf sich warten.

Assange dementiere prompt die Vorwürfe und kündigte an, sich noch heute der schwedischen Polizei stellen zu wollen. Nach den letzten Meldungen braucht er dies jedoch nicht mehr zu tun, denn der Haftbefehl wurde schon wieder aufgehoben und die Vorwürfe für unbegründet erklärt. Die Staastsanwaltschaft schreibt auf ihrer Webseite, dass es keinen Grund für den Haftbefehl gäbe und keinen, Assange der Vergewaltigung zu verdächtigen.

Alles in allem eine recht seltsame Posse, auf deren Hintergründe hoffentlich bald noch etwas mehr Licht geworfen wird.

Kurzer Nachtrag zu den absurden schwedischen Zugpreisen:

Die erste Klasse kostet also teilweise weniger als die zweite. Für umgerechnet 30 Euro erster Klasse inklusive Bord-Internet im Schnellzug von Stockholm nach Kopenhagen – das ist in Ordnung. Weiter geht es im Juli dann per Nachtzug nach Frankfurt.

2010-05-11 | 2 Kommentare

Die EU-Richtlinie IPRED ist in Schweden seit letztem Jahr in Kraft und hat kurzzeitig für einen Einbruch im Tausch von Musik und Filmen über das Internet gesorgt. Vereinfacht gesagt sorgt IPRED dafür, dass Musik- und Filmindustrie von Internetanbietern die Personalien von Nutzern verlangen können, wenn sie behaupten, diese hätte ihre Urheberrechte verletzt.

Interessanterweise ist die Vorratsdatenspeicherung, also die EU-Richtlinie, dass die Verbindungsdaten von Kommunikation eine gewisse Zeit lang gespeichert werden müssen, noch nicht in schwedisches Recht umgesetzt. Internet-Provider brauchen die Daten, die man per IPRED von ihnen verlangen kann, also gar nicht erst zu speichern.

Eine spannende Wende hat der ehemals staatliche Netzbetreiber TeliaSonera dieser Tage in die Argumentation gebracht, indem er sich weigert, einer IPRED-Forderung nachzukommen, gerade weil dies dem Schutz der Privatsphäre des Kunden nach den Regeln der Vorratsdatenspeicherung widerspräche. TeliaSonera greift also dem schwedischen Gesetzgeber voraus und findet, die Vorratsdatenspeicherung in Schweden schon gilt, auch wenn sie noch nicht in lokales Recht umgesetzt ist.

Das Verfahren ist in Berufung und sein Ausgang könnte das IPRED-Gesetz schlicht unwirksam machen.

Während die deutsche Presse eher überrascht (wenngleich natürlich positiv) auf die Nachricht des Literaturnobelpreises für Herta Müller reagiert hat, scheint die schwedische sehr vorbereitet gewesen zu sein. Schon am Morgen vor der Bekanntgabe hatte Dagens Nyheter die Preisträgerin auf der Titelseite und im Kulturteil eine lange Würdigung und Argumentation, warum sie eine gute Kandidatin ist. Heute dementierte man zwar und schrieb, dass man lediglich gut gerate habe, aber etwas suspekt ist es schon. Auch dass offensichtlich die Hintergrundartikel auf dn.se nur noch freigegeben werden brauchten und dass DN’s Deutschlandkorrespondent der erste bei Herta Müllers Wohnung in Berlin war.

Und dann heute morgen: Ich las im Zug über die Schulter des Sitznachbarn die Schlagzeile, dass Obama den Friedensnobelpreis bekommen könnte. Was er dann prompt auch tat. Ganz geheuer finde ich das nicht und in Anbetracht dessen, was dieses Vorabwissen für die Medien wert ist, finde ich es nicht abwegig, dass ein Interner sich etwas Geld “dazuverdient” und plaudert.

Ein spektakulärer Raub hat sich heute früh morgens in einem Stockholmer Vorort zugetragen. Einbruch in das Wertsachenlager einer Sicherheitsfirma übers Dach – per Helikopter. Flucht in aller Ruhe und mit säckeweise Beute auf dem gleichen Weg, vor den Augen der Nachbarn. Bombenattrappe bei den Polizeihubschraubern, damit sie nicht starten können. Der Hubschrauber der Diebe ist mittlerweile verlassen aufgefunden worden und hat sich ebenfalls als gestohlen herausgestellt. Verletzt scheint bei dem ganzen keiner geworden zu sein.

Sachen gibt’s.

Nachtrag: Jetzt auch bei SpOn

Nachtrag 090924: Es scheint als ob auch das Timing sehr gut gewählt war: Morgen ist Lohntag in Schweden und die Geldautomaten sollten vor dem Wochenende gut gefüllt werden, unter anderem von eben diesem Lager aus. Man munkelt von einigen hundert Millionen Kronen Beute. Außerdem glaubt man, dass ein Fehlalarm im Lager vor einigen Wochen ein Test für die Reaktionszeit der Polizei war.

Radio Schweden hat einen netten Artikel über die Kirchenwahl, die am Sonntag schwedenweit stattfindet.

An sich ist es ja eine gute Sache, auch in solchen Organisationen demokratische Strukturen zu haben. Andererseits ist das Ganze ein Relikt aus der Zeit als die schwedische Kirche noch Staatskirche war (bis 2000) und dass dabei die gleichen Parteien, die auch im Parlament vertreten sind, eine Rolle spielen, ist irgendwie fehl am Platz. Außerdem gibt eine Wahlbeteiligung weit unter 20 Prozent keine wirkliche Legitimation und stärkt gleichzeitig den konservativen Flügel mit den strenggläubigen Schäfchen, die sich einfacher zur Wahl führen lassen.

Nachtrag: Siehe auch Fabians Artikel zum Thema.

Spik ist schwedisch für “Nagel”; eine Matta ist ein “Teppich”. Eine Spikmatta dementsprechend ein “Nagelteppich”, auch “Fakirbett” oder “Nagelbrett” genannt.

Was daran schwedisch sein soll? Folgendes. Spikmattor waren dieses Jahr ein echter Verkaufsschlager in Schweden. Allein ein Anbieter hat 150.000 Stück abgesetzt und es gibt zahlreiche Kopien, so dass sich in etwa jedem zehnten Haushalt eine solche finden dürfte.

Es handelt sich dabei nicht um die “klassische” Variante aus Holzbrett mit Eisennägeln, sondern um ein dünnes Polster in Rückengröße, das mit spitzen Noppen aus Hartplastik bestückt ist. Google findet zahlreiche Bilder.

Bemerkenswert ist der stolze Preis von umgerechnet 50 Euro für dieses simple Produkt. In gewisser Weise löst die Spikmatta damit die Foppatofflor als überteuertes Mode-Plastikprodukt ab.

Neben dem Preis gerieten die Nagel-Matten vor allem durch irreführende Werbung in die Kritik. Da wird behauptet, dass das Liegen auf der Matte gegen alles mögliche hilft, von Schlafstörungen über Migräne bis zu Lungenkrankheiten. Gestützt wird das nur auf individuelle Aussagen und keine wissenschaftliche Untersuchung hat einen positiven Effekt gezeigt. Damit gehört die Spikmatta genauso wie Homöopathie ins Reich der Quacksalberei.

Nichtsdestotrotz scheinen viele die “Anwendung” zu genießen und der Erfolg ist nicht zuletzt durch positive Mundpropaganda zustande gekommen.

Die ZEIT schreibt über gesprengte Geldautomaten:

Wie in so vielen Dingen sind auch bei Attacken auf Geldautomaten die Skandinavier den Deutschen voraus. Weil Dynamit in Privathaushalten lange gebräuchlich war, jagte man in Schweden die Automaten von Anfang an in die Luft. [...] Die Stärke der Tresorwände spielt eine Rolle. In den USA stehen viele Geldautomaten in Geschäften, Restaurants und Bars. Dort gelten sie als wenig gefährdet – es sind, salopp gesagt, Sardinenbüchsen. Deutschland liegt mit Spanien und Frankreich im internationalen Mittelfeld. Die dicksten Tresore haben die Schweden.

Zugegeben, das Dynamit hat ein Schwede erfunden: Alfred Nobel. Ja, der mit den Preisen. Das mit dem “Dynamit in Privathaushalten” höre ich allerdings zum ersten Mal. Weiß dazu jemand mehr?

Die schwedische Krone hat sich wegen ein paar guten Nachrichten aus der Wirtschaft gegenüber Dollar und Euro zuletzt ein wenig erholt und liegt derzeit bei etwa 10,25 Kronen/Euro.

Dass man in Schweden vielerorts mit Euro bezahlen kann und dass einige Gemeinden ihn sogar als offizielle Zweitwährung eingeführt haben, wusste ich. Äußerst interessant fand ich dagegen gestern, wie ich meine übrig gebliebenen Euro loswurde.

Die Wechselstube wollte mir nur 9,8 Kronen/Euro geben, was ich dankend ablehnte. Beim Kleidung kaufen, bekam ich einen viel besseren Deal: 11,25 Kronen/Euro! Das liegt weit über dem offiziellen Kurs, die Läden machen also Verlust dabei, besonders weil man das Wechselgeld in Kronen bekommt und damit die Geschäfte als Wechselstube missbrauchen kann. Den Grund für diese “Großzügigkeit” vermute ich darin, dass man einen über einen gewissen Zeitraum gemittelten Kurs verwendet und deshalb die aktuelle Stärkung der Krone noch nicht angekommen ist.

Mit diesem Kurs würde man sogar einen Gewinn machen, wenn man seine schwedische Kreditkarte in Euro belastet und die eigene Bank zurückrechnen lässt. Seltsame Welt.

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